IKARUS 2017 – die Nominierungen

Peng! Peng! Boateng! | Heimathafen Neukölln | ab 13 Jahre

(Foto: Verena Eidel) 
(Foto: Verena Eidel)

Im Arbeiterviertel Wedding treffen sich die Brüder George und Kevin Prince auf einem umzäunten Bolzplatz, genannt der „Käfig“. Aus dem bürgerlichen Wilmersdorf bringt George den Halbbruder Jérôme mit. Über Fußballspielen möchte er die drei Brüder zusammenbringen. Mit ihrem Talent landen alle drei in Fußballvereinen. Doch George vernachlässigt seine Fußballkarriere und macht zwielichtige Geschäfte. Die anderen zwei werden schon als Jugendliche erfolgreich und landen in der Auswahl für die U21-Europameisterschaft. Der große Traum im deutschen Nationaltrikot aufzulaufen, scheint sich zu erfüllen. Doch wegen undiszipliniertem Verhaltens wird Kevin Prince ausgeschlossen. Eine Welt bricht zusammen! Für Jérôme und Kevin Prince beginnt ein wechselvoller Weg durch europäische Clubs. Doch nur Jérôme etabliert sich dauerhaft als Spitzenspieler und wird deutscher Fußballweltmeister.

Die auffallende Inszenierung zeigt nicht nur den Weg der drei Brüder aus fußballerischer Sicht, sondern auch ihre zwischenmenschlichen Verwerfungen, die nicht zuletzt auch aus ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft herrühren. Das Fußballspielen nimmt die Kultur der jugendlichen Zuschauer auf und wird als Hip-Hop und Breakdance inszeniert. Erst in der Schlussszene rollt ein Ball auf die Bühne, der aber nicht gespielt wird, denn es geht zwar um Fußball, aber noch viel mehr erzählt die Inszenierung die Geschichte von drei unterschiedlichen Brüdern.


Zuhause | Zirkusmaria | ab 5 Jahre

Foto: David Beecroft
Foto: David Beecroft

„Das Wichtigste ist doch, dass man ein Dach über dem Kopf hat!“, sagt die eine Maria, nachdem sie mit der anderen Maria mühevoll ein schweres Sofa hereingeschleppt hat, das aber nur spielzeuggross aus Papier gefaltet ist. Danach beginnen die beiden Spielerinnen eine dramaturgisch ausgeklügelte Abfolge kindlicher Spiele zu spielen, brechen die Spiele ab und erfinden ad hoc neue. Kleinigkeiten werden plötzlich enorm wichtig und verfallen wieder in Bedeutungslosigkeit. Räume werden auf dem Boden abgeklebt, darin Alleinseinwollen wird zur unabänderlichen Behauptung, trotz aller Störungen der anderen Maria. Und plötzlich kann der Raum einfach so verlassen werden, wenn eine neue Spielidee die Bühne betritt, die einem Kinderzimmer gleicht. Alle Spiele umkreisen den Kern, wie Kinder spielerisch das Zuhausesein erfahren. Doch mischt sich als Schattenspiel auch eine Erzählung über ein Kind darunter, das seine Heimat verliert und in der Fremde mitten unter uns in einer großen Stadt strandet, die Berlin sein könnte. Mit spielerischer Leichtigkeit fühlt sich die Gruppe Zirkusmaria in die kindliche Wahrnehmung des Daheimseins hinein. Mal ernst und oft heiter wird die Aneignung von Zuhause erspielt. Wie spielende Kinder spiegeln die beiden Spielerinnen in ihrer Perfomance die Erfahrungswelt des Zuhauseseins der Kinder. Dabei loten sie mit einfachen Mitteln die Möglichkeiten des Theaters im Allgemeinen aus und im Besonderen bleiben sie immer ganz im Theater für Kinder.


Aus die Maus | GRIPS Theater | ab 8 Jahre

Georg Piller, Nadja Sieger und Ensemble

Foto: David Baltzer/bildbuehne.de 
Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

Als Maus verkleidet zeigt ein Künstler auf der Theaterbühne Zaubertricks. Plötzlich versucht eine schlecht gekleidete, schmutzige Frau einen Einkaufswagen voller Krimskrams an der Bühne vorbei zum Ausgang zu schieben. Sie ist eine Obdachlose, die sich das Theater als Unterkunft ausgesucht hat und hinter der Bühne haust. Nach einem kurzen Disput setzt sie sich ins Publikum, doch sie stört weiter durch Zwischenrufe. Sie kommt auf die Bühne, sodass der Zauberkünstler seine Show unterbrechen muss. Wie soll sich das Publikum verhalten? Was soll der Zauberkünstler unternehmen? Zwischen den beiden entspinnt sich eine Auseinandersetzung, die es anfänglich erlaubt, dass der als Maus verkleidete Künstler mit seinem Programm fortfahren kann. Doch nicht lange, dann greift die Frau in seine Tricks ein. Als er erbost nach draußen eilt, um Zuständige des Theaters zu holen, übernimmt die Obdachlose das Ruder auf der Bühne, nicht ohne dabei das Publikum zu unterhalten. Nachdem der Zauberer von seiner vergeblichen Suche nach Theaterpersonal zurückgekommen ist, zeigt die Diskussion zwischen den beiden das Schicksal der Obdachlosen auf. Er ist von ihr einerseits abgestoßen und verärgert, andererseits erregt sie sein Mitgefühl. Am Ende bietet er der Obdachlosen eine Nacht bei ihm zuhause an. Doch dieses Angebot nimmt die obdachlose Frau nur mit der Bedingung an, dass sie alle ihre Sachen mitnehmen kann.


Piraten, Piraten | Das Weite Theater | ab 4 Jahre

Foto: Christine Fiedler 
Foto: Christine Fiedler

In einem Sturm geht das Piratenkind Molly über Bord. Nun ist das rothaarige Mädchen allein auf einer Insel gestrandet. Eine Krabbe bringt Molly in die Piratenhauptstadt Tortuga. Dort fragt sie in der Piratenkneipe, auf welchem Schiff sie anheuern kann. Alle lachen, weil auf einem Piratenschiff keine Mädchen sein dürfen. Als Junge verkleidet wird sie auf einem Schiff mitgenommen, das einer wilden Kapitänin gehört. Bald ist Molly als Schiffsjunge Mo unentbehrlich und darf sogar ans Steuer. Sie jagen ein reiches Schiff und machen Beute. Doch Mollys Tarnung fliegt auf! Dann meutert auch noch der Steuermann "Knochiger Klaus", macht sich zum Kapitän und nimmt Molly gefangen. Doch mit List kommt sie frei und die wilde Piratenkapitänin entert das Schiff. Ein wilder Kampf entbrennt. Diesen schlichtet Molly, indem sie sich einfach selbst als Piratenkapitän ausruft!
Eine echte Piratenkomödie für Kinder! Witzige Einfälle und Dialoge, schräge Kostüme, originelle Puppen und unerwartete Wendungen treiben die Geschichte des starken Mädchens Molly voran. Die Schauspielerin Christine Müller und der Schauspieler Martin Karl glühen vor Spielfreude und wechseln sich fließend in der Puppenführung von Molly dem Piratenmädchen ab. Mit zwei Bockleitern, einem Brett und zwei Kisten werden eine Bar, Piratenschiffe mit Takelage, Ausguck und Steuermannsbrücke gebaut. Ein großer Piratenspaß!


NASSER#7Leben | GRIPS Theater | ab 13 Jahre

Susanne Lipp nach Interviews mit Nasser El-Ahmed

Foto: David Baltzer/bildbuehne.de 
Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

Schon als Kind ist der älteste Sohn Nasser der Liebling. Doch mit zunehmendem Alter wird die Erziehung in der traditionellen, muslimischen Familie strenger. Für ihn wird Musik haram, Fernsehen und Internet sind nur eingeschränkt erlaubt. Die Last der Familienehre wird auf seine Schultern geladen. Als in der Pubertät die Konflikte mit seinem autoritären Vater zunehmen, sucht sich Nasser seine Freiräume außerhalb der Familie. Er geht mit Freunden aus und riskiert heftige Schläge des Vaters, wenn er später als vereinbart nach Hause kommt. Als Jugendlicher werden die sozialen Medien seine Tür zu einer liberalen Lebenswelt. Im Alter von 15 Jahren entdeckt er die schwule Partyszene Berlins und outet sich auf Facebook. Doch entgegen seiner  Befürchtungen dikriminieren ihn seine Mitschülerinnen und Mitschüler nicht, im Gegenteil, als muslimischer Homosexueller erfährt er solidarische Unterstützung. Für seine Eltern ist es dagegen eine Katastrophe und Schande. Nasser gerät unter eine noch strengere Fuchtel seines Vaters. Er reißt von zuhause aus und kommt in sozialen Einrichtungen unter. Doch unter einem Vorwand lockt ihn seine Mutter nach Hause. Von seinem Vater und einem Onkel wird er entführt, um im Heimatland der Familie mit einer Cousine verheiratet zu werden. Doch an einer Landesgrenze fliegt die Entführung auf. Zurück in Berlin wird er von seiner Familie verstoßen. In seinem Rückblick erzählt Nasser von seinen sieben verschiedenen Leben, die er bisher in seinem jungen Alter hatte.


Akim rennt | compagnie toit végétal | ab 6 Jahre

nach dem Kinderbuch von Claude K. Dubois

Foto: Gero Breloer | Illustration: Claude K. Dubois 
Foto: Gero Breloer | Illustration: Claude K. Dubois

Akim spielt mit seinen Freunden am Fluss. Der Krieg ist weit weg. Doch plötzlich dröhnt es am Himmel. Flugzeuge werfen Bomben ab. Soldaten stürmen das Dorf. Akim rennt nach Hause. Als der Junge mit seinen Eltern fliehen möchte, wird er im Durcheinander von seiner Familie getrennt. Soldaten machen ihn zu ihrem Gefangenen. Mit anderen Kindern muss er für sie arbeiten. Irgendwann kan Akim fliehen. In den Bergen trifft er auf andere Flüchtlinge und schließt sich ihnen an. Nach Anbruch der Dunkelheit gelingt es ihnen, in einem vollbesetzten Boot den Fluss zu überqueren. Am andern Ufer werden sie von einem Bus aufgenommen und nach einer langen Fahrt in ein Lager gebracht. Und dort passiert ein großes Wunder: Akim findet seine Mutter wieder. Glücklich umarmen sie sich.
Ohne Worte, nur begleitet von einer Elektrogitarre, gleiten die eindrücklichen Illustrationen des preisgekrönten Kinderbuchs „Akim rennt“ der Autorin Claude K. Dubois auf einem niedrigen Tisch an einer Kamera vorüber. Die Bilder werden auf eine Fläche projiziert, die auf einer Staffelei lehnt. Zwei Spielerinnen führen die skizzenhaften Schwarzweißzeichnungen der Buchillustrationen, blasen Asche darüber, verdunkeln den Himmel oder lassen das Fluchtschiff im Wasser schwimmen. Das Objekt- und Figurentheater wird in Echtzeit auf eine Leinwand übertragen. Etwa 40 Minuten folgt man gebannt der spannenden Flucht des Jungen Akim, bis er in den Armen seiner Mutter liegt.


Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt | Theater an der Parkaue | ab 10 Jahre

Finn-Ole Heinrich, Dita Zipfel

Foto: Christian Brachwitz 
Foto: Christian Brachwitz

Die zehnjährige Maulina hat sich zu Hause ihr phantastisches Reich „Mauldawien“ erschaffen. Das ist ein verwunschener Dachboden, vierundachtzig Topfpflanzen, ein Eisfach voller Obst und lange Frühstücke am Wochenende. Doch auf einmal ändert sich alles. Der Vater verlässt die Familie und die Mutter zieht mit Maulina in ein Haus, das kahl und steril ist wie ein Plastikhaus. Da kriegt Maulina einen ihrer lauten Maul- und Schreianfälle, bei dem sie in die Trompete bläst. Doch dann erfährt Maulina, dass sie wegen der unheilbaren Krankheit ihrer Mutter die Wohnung wechselten. Maulina beschließt ein Wunder aufzutreiben. Als auch der Wundertrank Ludmillas, der Pflegerin der Mutter, die Krankheit nicht aufhalten kann, rettet Maulina ihr starker Wille und der Halt, den ihre Familie und Freunde ihr geben.

Das Bühnenbild stellt eindrucksvoll die Phantasiewelt Maulinas einer kahlen, sterilen Wohnung gegenüber. In originellen Bildern und mit einer guten schauspielerischen Leistung bekommt die herausragende Inszenierung den Balanceakt fertig, einerseits ein starkes und phantasievolles Mädchen zu zeigen, dass sich nichts gefallen lässt, und auf der anderen Seite die Situation, dass ihre Familie zerbricht und die Mutter todkrank ist. Nie wird die Inszenierung larmoyant, sondern trotz der verhandelten Probleme bleibt eine Grundheiterkeit erhalten.


Emil und die Detektive | ATZE Musiktheater | ab 6 Jahre

Thomas Sutter nach dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner

Foto: Joerg Metzner 
Foto: Joerg Metzner

Zum ersten Mal darf der Junge Emil aus der Kleinstadt Neustadt alleine mit dem Zug nach Berlin reisen. Für die Verwandten in Berlin bekommt er von seiner Mutter 140 Euro mit. Im Zugabteil wird ihm allerdings das ganze Geld von einem aufdringlichen Mann gestohlen. Emil verfolgt den Dieb auf eigene Faust durch das ihm unbekannte Berlin und lernt dabei Gustav mit der Hupe kennen, einen Jungen in seinem Alter, der schnell eine Kinderbande aus Jungs und Mädchen organisiert, um den Dieb zu beschatten. Sie verfolgen ihn auf Schritt und Tritt. Als der Dieb das Geld in einer Bank umtauschen möchte, stellen die Kinder den Dieb, die Polizei kommt hinzu und der Bösewicht wird überführt und verhaftet. Es stellt sich heraus, dass er unter anderem wegen Bankraub gesucht wird. Emil erhält eine Belohnung und spendet das Geld ohne lange zu überlegen, damit das Kinder- und Jugendzentrum wieder eröffnet werden kann.

Dass eine rund 88 Jahre alte, gute Geschichte noch heute ihren Reiz und ihre Gültigkeit für Kinder haben kann, zeigt das Singspiel „Emil und die Detektive“ im ATZE Musiktheater. Der Wesenskern dieses Krimis für Kinder ist die solidarische Hilfsbereitschaft von Kindern, um Emil das gestohlene Geld wieder zu beschaffen. Beeindruckend sind die Lieder, die Thomas Sutter geschrieben hat, und die musikalischen Arrangements von Sinem Altan, die das Musiktheater in ein herausragendes Singspiel verwandeln, bei dem in den Szenen das Sprechen fließend in Gesang übergeht und das Singen wieder zum gesprochenen Monolog oder Dialog zurückfindet.


Der IKARUS wird seit 2002 vom JugendKulturService als Auszeichnung für herausragende Berliner Theaterinszenierungen für Kinder und Jugendliche vergeben und ist seit 2013 mit einem Preisgeld dotiert. Der IKARUS möchte auf außergewöhnliche Theaterstücke aufmerksam machen, die den Theaterbesuchern besonders empfohlen werden. Nominierungen und Preisträger des IKARUS werden von einer unabhängigen Jury entschieden.

Die Dotierung wird ermöglicht durch das Engagement der Joachim und Anita Stapel Stiftung und durch die Unterstützung unserer Spendenaktion durch Bürgerinnen und Bürger. Sie alle setzen damit ein deutliches Zeichen: Applaus und Anerkennung für diese künstlerische Arbeit!

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