"Einmal Schneewittchen, bitte" und "Die Hühneroper" gewinnen den Kinder- und Jugendtheaterpreis IKARUS 2018!

Die beiden Preisträger des IKARUS 2018: "Einmal Schneewittchen, bitte" (Theater Zitadelle / Theater Anna Rampe) und "Die Hühneroper" (ATZE Musiktheater) | Foto: Kay Herschelmann 
Die beiden Preisträger des IKARUS 2018: "Einmal Schneewittchen, bitte" (Theater Zitadelle / Theater Anna Rampe) und "Die Hühneroper" (ATZE Musiktheater) | Foto: Kay Herschelmann

Vor einem begeisterten Publikum wurde am 7. November 2018 Abend im Kabarett-Theater "Die Wühlmäuse" der IKARUS – Auszeichnung für herausragende Berliner Theaterinszenierungen für Kinder und Jugendliche verliehen. Am Abend zeigten alle acht Nominierten Ausschnitte aus ihren Stücken, bevor die Jurys die Preisträger bekannt gaben und die Preise durch die Staatsekretärin für Jugend und Familie, Sigrid Klebba, den Staatssekretär für Kultur, Dr. Torsten Wöhlert, und den JugendKulturService verliehen wurden. Raphael Hillebrand, der im letzten Jahr noch mit dem Ensemble vom Heimathafen Neukölln den IKARUS 2017 für die Inszenierung „Peng! Peng! Boateng!“ erhalten hatte und die 4xSample Beatboxcrew führten groovend durch den Abend.

Zum ersten Mal vergab auch eine Jugendjury einen mit 2.500,- Euro dotierten Preis. Ihr IKARUS ging an "Einmal Schneewittchen, bitte" vom Theater Zitadelle / Theater Anna Rampe. Ein Puppentheaterstück ab vier Jahren, das durch sein Theater im Theater auch Jugendliche und Erwachsene zu begeistern weiß: „Denn zwischendurch gibt es immer mal wieder kleine Bemerkungen, die die Kleinen nicht stören und die Großen zum Schmunzeln bringen. So fragt sich Schneewittchen zum Beispiel, was sie jetzt in Zeiten von #metoo eigentlich für ein Bild abgibt, wenn sie sich vom Prinzen Hons retten lässt.“ begründet die Jury ihre Preisvergabe.

Der mit 5.000,- Euro dotierte Preis der Erwachsenenjury wurde an "Die Hühneroper" vom ATZE Musiktheater verliehen. In diesem musikalischen Theaterstück ab sechs Jahren gackern sich die Darsteller*innen humorvoll durch das eigentlich tragische Thema der Massentierhaltung. „Die Hühneroper ist politisches Theater für die Kleinen. Deutet auf Missstände hin. Klärt auf. Sie beleuchtet verschiedene Perspektiven. Macht Lösungsvorschläge. Was will Theater mehr?“ heißt es in der Begründung der Jury.

Kinder- und Jugendtheater führen junge Menschen nicht nur früh an Kultur heran, sondern regen sie mit den im Theater behandelten wesentlichen Themen unserer Gesellschaft auch dazu an, in ihrem Leben klarer Stellung beziehen zu können.
„Kinder- und Jugendtheater ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einem demokratischen Miteinander.“ sagte die Staatssekretärin Jugend und Familie, Sigrid Klebba im Rahmen der Preisverleihung. Dr. Torsten Wöhlert, Staatssekretär für Kultur, unterstrich diese Aussage und würdigte die Leistungen, die die Berliner Kinder- und Jugendtheater für das kulturelle Leben dieser Stadt erbringen.

Die beiden Gewinnerstücke sprechen Kinder und Jugendliche auf ganz unterschiedlichen Ebenen an. Und auch die Erwachsenen kommen nicht zu kurz. Sie zeigen, dass Theater kein Alter kennt und sich auch sonst nicht groß um Grenzen schert. Die Kleinsten lernen hier, dass Fantasie unbegrenzt ist. Und alles, was gedacht werden kann, kann auch getan werden. Damit ist das Kinder- und Jugendtheater in seiner Wirkung für unsere offene demokratische Gesellschaft nicht zu unterschätzen.

Jugendpreisträger 2018: "Einmal Schneewittchen, bitte" vom Theater Zitadelle / Theater Anna Rampe mit der Jugendjury | Foto: Kay Herschelmann 
Jugendpreisträger 2018: "Einmal Schneewittchen, bitte" vom Theater Zitadelle / Theater Anna Rampe mit der Jugendjury | Foto: Kay Herschelmann
Preisträger 2018: "Die Hühneroper" vom ATZE Musiktheater | Foto: Kay Herschelmann 
Preisträger 2018: "Die Hühneroper" vom ATZE Musiktheater | Foto: Kay Herschelmann
 

Die Laudatio der Jugendjury zu „Einmal Schneewittchen, bitte“:
Wenn man sich als Jugendlicher ein Puppentheaterstück angucken soll, das ab 4 Jahren empfohlen wird, und das altbekannte Märchen Schneewittchen behandelt, könnten die Erwartungen zunächst eher zurückhaltend sein. Man kennt den Stoff und fühlt sich dafür schon zu erwachsen. 
Aber dann weiß man auch noch nichts von der originellen Rahmenhandlung in der Apotheke, wo sich Paco der Hund und seine Assistentin das Märchen erstmal zusammenmischen müssen. Oder von den filigran gestalteten Puppen, von denen Schauspielerin Anna Fregin in manchen Szenen acht gleichzeitig bedient. Besonders beeindruckend sind dabei die Zwerge, die alle verschieden charakterisiert sind und unterschiedliche Dialekte sprechen.
Wie kommt man eigentlich darauf, dass ein bekanntes Märchen nicht mehr mitreißend sein könnte? Durch verstärkende Soundeffekte und die ungewöhnliche Verknüpfung von Rahmen- und Binnenhandlung entsteht hier durchaus eine erwartungsvolle Spannung. Da muss Schneewittchen auch mal etwas länger scheintot liegen bleiben und die Zwerge sie betrauern, bis sich Paco als Happyend-Verantwortlicher um die Rettung kümmert.
"Einmal Schneewittchen, bitte" begeistert nicht nur das Zielpublikum, sondern bietet auch begleitenden Eltern oder Erziehern und Jugendlichen - wie uns - einiges an Witz. Denn zwischendurch gibt es immer mal wieder kleine Bemerkungen, die die Kleinen nicht stören und die Großen zum Schmunzeln bringen. So fragt sich Schneewittchen zum Beispiel einmal, was sie jetzt in Zeiten von #metoo eigentlich für ein Bild abgibt, wenn sie sich vom Prinzen Hons retten lässt.
Und selbst wenn jemand diesem besonderen Theaterstück nichts abgewinnen könnte, macht das die harmonievolle Atmosphäre im kleinen Vorführraum wett, in dem die Kinder bis kurz vor der Märchenapotheke sitzen und gebannt das Stück verfolgen. Auch deshalb erinnert man sich noch Monate später gerne wieder an diese rundum stimmige Inszenierung.
Herzlichen Glückwunsch!

Anna Fregin, Puppenspielerin und Gründerin vom Theater Anna Rampe, zum Erhalt des IKARUS-Jugendpreises 2018:
„Wir freuen uns wie verrückt, dass wir den IKARUS-Jugendjurypreis 2018 bekommen haben.
Kinder brauchen Märchen. Und Erwachsene eben auch. Leider wird häufig angenommen das Puppentheater nur für kleine Kinder sei, dass dies nicht der Fall ist, zeigt das Votum der Jugendjury, die in ihrer Begründung schreiben:
„Wenn man sich als Jugendlicher ein Puppentheaterstück angucken soll, das ab 4 Jahren empfohlen wird, und das altbekannte Märchen Schneewittchen behandelt, könnten die Erwartungen zunächst eher zurückhaltend sein. Man kennt den Stoff und fühlt sich dafür schon zu erwachsen. …...
“EINMAL SCHNEEWITTCHEN, BITTE begeistert nicht nur das Zielpublikum, sondern bietet auch begleitenden Eltern oder Erziehern und Jugendlichen - wie uns - einiges an Witz.“
Diese Sätze machen uns sehr glücklich.
Da mein Mann und ich ein Puppentheater in Kreuzberg „Theater im Bergmannkiez „aufgemacht haben kommt uns das Preisgeld wie gerufen, da wir mit den laufenden Kosten dort sehr gefordert sind. Wir danken der Jugendjury, dem JugendKulturService, der den Jugendlichen die Mittel an die Hand gegeben hat, Theater kritisch und freudig zu bewerten und natürlich den Sponsoren.“

Die Laudatio der Erwachsenenjury zu „Die Hühneroper“:
Gebt die Welt in Küken-Hände. Küken an die Macht!
Vorhang auf! Mal kurz die Augen zu. Haben Sie’s in der Nase? Haben Sie es vor Augen? Staubig. Verbrauchte Luft. Strohig. Chaotisches Durcheinander von weißen Federn. Kaltes Licht. Aber warm. Gemütlich warm. Oder viel zu warm vielleicht?
Herzlich Willkommen im Hühnerstall! Genauer: im Massentierhaltungsstall. Noch genauer: Im nicht artgerechten Massentierhaltungsstall.
Oh, jetzt wird’s eng. Merken Sie’s?
Und Bühne frei! In eierschalengelben Rüschenunterhosen zockeln die Schauspielerinnen, Musiker und Schauspieler auf die Bühne, streifen sich ihr Hühnerkleid über, setzen sich ihre roten Kämme auf und verwandeln sich augenblicklich in ausgewachsene, manchmal kränkelnde Legehennen, die an Federausfall und Geschwüren leiden.
Und unter ihnen: Das Küken.
Im schlichten Stall nehmen die Hennen Platz. Genauer: Sie hocken sich auf eine Stange, drängeln und schieben.
Dargestellt wird die Enge so drückend intensiv, dass sich der Zuschauer in den Sitzreihen selbst beengt und eingezwängt fühlt. Da würde es nicht wundern, wenn hie und da auch aus dem Publikum ein Hühnergegacker käme.
In erster Linie wird die Enge über das virtuose Spiel und nicht übers beeindruckende Bühnenbild von Jochen Hochfeld dargestellt. So wie die Hühner keine Schauspieler in Tierkostümen sind. Vielmehr haben sie sich präzise die Charakteristika von Hühnern beigebracht: ihre Körperhaltung, das Zucken im Hals, das Scharren mit dem Fuß. Der einsame Gacker beim Einschlafen. Die Kostümteile der Kostümbildnerin Jane Saks sind zurückhaltend, aber schrill, und lassen viel Raum für eigene Phantasien.
Mit großem Witz wird hier ein ganz ernstes Thema vorgestellt und diskutiert. Gezeigt werden grauenhafte Missstände, auf eine Weise, die nichts auslässt und gleichzeitig nicht verschreckt, sondern Spaß macht. Die Hühneroper ist politisches Theater für die Kleinen. Deutet auf Missstände hin. Klärt auf. Sie beleuchtet verschiedene Perspektiven. Macht Lösungsvorschläge. Was will Theater mehr?
•    Hervorragende Schauspielerinnen und Schauspieler zum Beispiel. Schauspieler, die ihre Vorbilder ernst nehmen. Die dem Huhn als Figur seine individuelle, tierische Würde lassen.
•    Treffende Lieder von Thomas Sutter und ein anspruchsvolles Musikarrangement von Sinem Altan, die inhaltlich unterstützen, aber nicht ablenken. Sie nehmen die Kinder lustvoll an die Hand mit ins moderne Singspiel, das aus einer Gesangsnummer fließend übergeht ins Sprechtheater und genauso mühelos wieder zurückfindet.
•    Kinderzuschauer, die vor entzücken kreischen, aber mit ernstem Gesicht Zuhause über Bio-Eier reden werden.
Und nicht nur das. Die Hühneroper erklärt das Prinzip der nicht artgerechten Massentierhaltung. Es gilt nicht nur für Hühner. Auch von den kleinen Theatergängerinnen und -gängern kann das Prinzip auf die Verwertung anderer Tiere übertragen werden. Die Hühneroper ist gleichzeitig auch eine Putenoper – ist eine Schweineoper – ist eine Rinderoper.
Zu jeder Tierhaltung gehört auch eine Wärterin oder ein Wärter. Die Figur des Wärters verkörpert das System, ist Regierung, ist Entscheidungsgewalt. Für ihn sind Hühner dämliche Produktionsstätten, die es auszunutzen und von sich selber fernzuhalten gilt.
Die Sympathie des Publikums gehört eh den Hühnern. So könnte man es stehen lassen. Aber so einfach macht es sich die Hühneroper nicht. Die Regisseurin Göksen Güntel weiß, dass man ein Problem von verschiedenen Seiten beleuchten muss, um es verständlich zu machen.
Die Figur des Wärters steht unter wirtschaftlichem Druck. Für das gleiche Geld soll er immer mehr Eier liefern. Sonst ist sein Betrieb nicht mehr wettbewerbsfähig. Aber woher die Eier nehmen? Wo das Geld einsparen?
Ein Stall ist eben so groß wie ein Stall ist, und da müssen jetzt immer mehr Hühner rein, immer mehr Hühner – kein Wunder, dass er aus allen Nähten platzt, die Hennen sich gegenseitig die Federn ausrupfen und die Füße wund-stehen.
Als das Küken in der Stallmauer ein Loch entdeckt, drängt es ins Freie. Das Küken hat den unangepassten Blick, den auch Kinder haben. Es besitzt die Neugier, die den Anstoß zur Veränderung gibt. Unter seiner Anstiftung wagen sich die Hühner neugierig, aber auch angstvoll in die Freiheit. Sie sind fasziniert von dem Neuen, der Wiese, die doch für Hühner das Normalste der Welt sein sollte! Es verwundert für einen Moment, dass sie freiwillig wieder zurückkehren in den Stall. In ihr Gefängnis. Hühner sind nicht als die mutigsten Tiere bekannt. Dann wird klar: Sie gehen zurück in die Sicherheit. Lieber Verhandeln als Abhauen. Sie bieten dem Wärter einen Schulterschluss an – das Bio-Ei.
Für die Hühner bedeutet das artgerechte Haltung. Für die Figur des Wärters eine neue Marketingidee und höhere Einnahmen. Eine Revolution findet nicht statt. Es ist eher eine fast friedliche Horizonterweiterung für beide Seiten. Gebt die Welt in Küken-Hände. Küken an die Macht!
Herzlichen Glückwunsch an: die Hühneroper!

Tom Müller-Heuser | Foto: Jörg Metzner
Tom Müller-Heuser | Foto: Jörg Metzner

Tom Müller-Heuser, Pressesprecher des ATZE Musiktheaters, zum Erhalt des IKARUS-Theaterpreises 2018:
„Wir sind stolz und glücklich, dass wir mit DIE HÜHNEROPER mit dem IKARUS 2018 ausgezeichnet worden sind. Es ist nicht immer leicht, unbekannte Stücke auf den Spielplan zu bringen und diese über einen längeren Zeitraum im Programm zu behalten. Es ist auch nicht immer leicht, für moderne Singspiele dauerhaft ein großes Publikum zu gewinnen. Mit DIE HÜHNEROPER haben wir ein Singspiel inszeniert, das politisch ist, für eine bessere Welt eintritt und vor allem unser zentrales Anliegen verkörpert: zu zeigen, dass Kinder den Kern für eine notwendige Veränderung der Gesellschaft in sich tragen. Und vor allem Dinge anzustoßen, die wir Erwachsenen im Hamsterrad unserer Verpflichtungen gar nicht mehr fähig zu realisieren sind! In diesem Fall ist es ein junges Hühnchen, das den erwachsenen Legehennen den Weg in die Freiheit und in ein besseres Leben weist. Mit DIE HÜHNEROPER tragen wir unsere Botschaft in die ganze Welt: Leute hört auf die Kinder. Gebt auf sie acht. Gebt ihnen die Gelegenheit, sich aktiv in alle gesellschaftlichen und politischen Prozesse einzubringen. Und vor allem: Liebe Eltern, liebe Lehrer*innen, liebe Politiker*innen, liebe Entscheidungsträger*innen in der Wirtschaft und den Institutionen: Seid euch eurer Verantwortung für die Kinder bewusst. Sie werden in einer Welt leben, die wir zu verantworten haben. All das hört sich recht schwergewichtig an. Doch wir hören von unseren Gästen immer wieder, dass sie nach den Aufführungen inspiriert, beschwingt und mit großer Energie nach Hause gehen. Das ist wohl der Zauber des Theaters! Lasst uns die Tiere schützen, uns gesund ernähren, nachhaltig leben und auf unsere Umwelt achtgeben! Wir danken der Jury und dem JugendKulturService für diese großartige Auszeichnung!“


IKARUS 2018 - die Nominierungen


Die Hühneroper | ATZE Musiktheater | ab 6 Jahre

Die Hühneroper | Foto: Jörg Metzner
Die Hühneroper | Foto: Jörg Metzner

3.333 erwachsene Legehennen und ein Hühnchen leben auf einer Hühnerfarm unter den schlechten Bedingungen der Massentierhaltung. Das Hühnchen hat einen großen Freiheitsdrang, träumt vom Fliegen und möchte goldene Eier legen, wenn es groß ist. Eines Tages entdeckt es ein Loch ins Freie und damit zum ersten Mal die Welt außerhalb des Stalls.  Die Begeisterung darüber verführt auch die Legehennen unter dem Motto „Hühner, zur Sonne zur Freiheit“ zum „Ausbruch“.  Dabei haben sie allerdings nicht an den Verwalter und die herumstreunenden Füchse gedacht, die letztendlich dafür sorgen, dass die Hennen die Nacht statt unter Sternenhimmel wieder in ihrem Stall verbringen. Es bleibt spannend bis zum Schluss, ob sich das Hühnerleben unter blauem Himmel auf  grünen Wiesen mit leckeren Regenwürmern verwirklichen lässt.

Begründung der IKARUS-Jury

Die Inszenierung unter der Regie von Göksen Güntel sprüht vor Tempo, Witz und Komik, ohne jedoch die fatale Lage der Protagonisten auf einer Tierhaltungsfarm zu verharmlosen oder gar aus den Augen zu verlieren, wo diese ihr Leben ohne natürliches Licht, mit Kraftfutter gemästet auf knappen Raum verbringen und vom Verwalter tracktiert werden, den nur der Gewinn aus dem Verkauf möglichst vieler Eier interessiert. Die Schauspieler*innen, zum Teil gleichzeitig auch die Musiker*innen, in ihren originell  schrägen Hühnerkostümen überzeugen mit Spielfreude und mitreißenden Liedern von Thomas Sutter, die von der musikalischen Leiterin Sinem Altan gelungen arrangiert wurden. Die Hühneroper zu hören und zu sehen macht riesigen Spaß, gleichzeitig gelingt es die großen und kleinen Zuschauer für das Thema der Massentierhaltung und ihre Folgen  zu sensibilisieren. Wer die Hühneroper gesehen hat, wird beim nächsten Eierkauf  nicht zögern, die von freilaufenden Hühnern zu nehmen.

Hans im Glück | ATZE Musiktheater | ab 6 Jahre

Hans im Glück | Foto: Jörg Metzner
Hans im Glück | Foto: Jörg Metzner

Nach sieben Jahren harter Arbeit will Hans mit seinem Goldklumpen im Säckel aufbrechen und sehen, was die Welt für ihn bereithält. Unterwegs trifft er verschiedene Leute, die ihm Tauschangebote machen: Und er tauscht sein Gold gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und die Gans gegen einen Stein. Hans ist zufrieden mit jedem Tausch, weil er immer die Vorteile seines neuen Besitzes sieht. Am Ende, als sein Stein in den Brunnen fällt, ist er sogar froh darüber, weil er befreit von jeglicher Last weiterziehen kann.

Regisseur Matthias Schönfeldt fokussiert in seinem Stück gleich zwei zentrale Fragen: Warum macht der Kerl das nur? Und: Wie gestaltet er sein Leben? Er stellt Hans dazu zwei Ratgeber als innere Stimmen an die Seite und bezieht so das Publikum in die Auseinandersetzung mit ein. Es geht um die Bedingungen von „einem gutem Tausch“ oder „klugem“ Handeln. Dabei zeigt uns der Spieler des Hans auf erfrischende Weise, wie er die Zügel seines Lebens trotz der schwierigen Fragen und Herausforderungen in die Hand nimmt und am Ende glücklich und zufrieden vor uns stehen kann.

Begründung der IKARUS-Jury

Die Inszenierung des ATZE Musiktheaters findet nicht nur eine schwungvolle, durch Livemusik begleitete Form für die altbekannte Geschichte. Sie begeistert zudem durch ein überaus schlüssiges Bühnenkonzept, welches hervorragend zum Duktus der Geschichte sowie zum munteren Spiel des Hauptdarstellers passt. Auf der Bühne findet Hans´ stetes Ziel, weiter zu gehen und Dinge zu erleben, ein Abbild in Form einer großen, aus vielen Metallringen bestehenden Zielscheibe, welche Szene um Szene, Ring um Ring abgetragen wird. Jeder Ring wird zum Mitspieler für Hans, indem er aus der abstrakten Form virtuos ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein, eine Gans formt. Immer kleiner werden diese Besitztümer, immer wilder sein Spiel mit ihnen. Sobald sie wieder abgegeben werden, schaut er sofort nach der nächsten Stufe seiner Lebensleiter. Dieser Übertragung des Außengeschehens ins einigermaßen Abstrakte steht eine Hauptfigur entgegen, die sich sehr realistisch, emotional glaubwürdig und lebendig mit den Wahlmöglichkeiten des Lebens auseinandersetzt und seinem sehr empathisch reagierenden Publikum zeigt: Es kommt vor allem darauf an, was Du selbst für wichtig hältst!

Bremer Stadtmusikanten | Rike Schuberty & Figurentheater Grashüpfer | ab 4 Jahre

Bremer Stadtmusikanten | Foto: Jann Skroblin
Bremer Stadtmusikanten | Foto: Jann Skroblin

Aus vier macht eins – die Kunst der Verwandlung gehört zum Theater und insbesondere die Objekt- und Puppentheaterspielerinnen wissen einen immer wieder mit neuen Spielformen zu überraschen. So auch Rike Schuberty, die uns – ganz allein – die Geschichte von Esel, Hund, Katze und Hahn vorspielt, die sich, von den Menschen schlecht behandelt, losgesagt haben, um ein besseres Leben zu finden, vielleicht als Musikanten in Bremen.

Begründug der IKARUS-Jury

Den Esel spielt Rike Schuberty selbst, ein bisschen launig, ein bisschen unsicher, ein bisschen neugierig schwingt sie sich auf ein altres klappriges (Stand)Fahrrad. Der Hund, ein dickes Plüsch-Exemplar, kommt dazu und spricht zu aller Überraschung nur englisch. Aber die beiden verständigen sich prima, und die kleinen Zuschauer erleben – was mit zu den Besonderheiten und Reizen der Inszenierung gehört – ganz nebenbei, wie so was funktionieren kann.

Die Dame Katze, ein etwas abgetakeltes Damenhandtäschchen, jammert ihr Leid auf russisch und der freche Hahn, als umgedrehter Gummihandschuh auf der Fahrradklingel, gibt seine Kommentare auf türkisch.
So zackeln die vier dynamisch weiter und erleben das bekannte Abenteuer mit den Räubern in der Hütte im Wald. Ihr Zusammenhalt, ihre Kommunikation, verkörpert durch die eine Spielerin, die alle aufleben lässt, machen den Kern der sehr charmanten Inszenierung aus. Dass die Spielerin dann auch noch die ganze Räuberbande mitspielt, überrascht nicht mehr und beeindruckt dennoch.
Eine schöne Inszenierung.

Einmal Schneewittchen, bitte | Theater Zitadelle / Theater Anna Rampe | ab 4 Jahre

Einmal Schneewittchen, bitte | Foto: Daniel Wagner
Einmal Schneewittchen, bitte | Foto: Daniel Wagner

Man nehme einen schönen Prinzen, ein einsames Mädchen, sieben Zwerge, eine böse Stiefmutter, ein bisschen Magie, eine Menge Neid, eine große Portion Freundschaft, einen vergifteten Apfel und ein Happy End. So in etwa sieht die Rezeptur aus, die die Spielerin Anna Wagner-Fregin in ihrer Apotheke zusammenstellt, um gemeinsam mit dem Hund Pacco das Märchen zu erzählen. Aus Flaschen, Tiegeln und Schubladen tauchen Puppen und Objekte in großer Vielzahl hervor, mit denen sie virtuos umgeht. Eine Rolle jedoch übernimmt sie selbst: Die der bösen Stiefmutter. Und damit schafft sie eine weitere Spielebene, mit der sie auch die älteren Zuschauer*innen – die das Märchen allesamt in- und auswendig kennen mögen – in den Bann schlägt. Gruselig, jedoch nie bedrohlich beeinflusst die böse Königin das liebevolle Freundschaftsspiel der Zwerge mit ihrem Schneewittchen. Und bei Rezepturen wie beim Puppentheater liegt die Würze im Detail: Hier gibt es reichlich gelungene Ideen und augenzwinkernde Blicke in die Jetztzeit.

Begründung der IKARUS - Jury

Altbekannte Stoffe stellen das Theater immer wieder vor eine besondere Herausforderung. Es gilt, den reichen Kern des Märchens zu bewahren und dennoch ein besonderes spielerisches Gewand zu finden. Insbesondere das Puppentheater sieht sich dabei häufig einem Publikum mit einer äußerst weiten Altersspanne gegenüber. Die Art wie die Spielerin Anna Wagner-Fregin in EINMAL SCHNEEWITTCHEN, BITTE einen Rahmen für die Geschichte schafft (der gleichzeitig die Herstellung einer Theaterproduktion offenlegt), wie sie humorvoll als böse Stiefmutter auftritt und das Bedrohliche zu einer köstlichen Bühnendarstellung münzt, wie ihre Spielfiguren noch im winzigsten Detail, etwa dem aus Schneewittchens Kehle herausspringenden Apfelgriebs, überraschen. All‘ das macht die Inszenierung so sehenswert.

Magdeburg hieß früher Madagaskar | GRIPS Theater | ab 6 Jahre

Magdeburg hieß früher Madagaskar | Foto: David Baltzer/bildbuehne.de
Magdeburg hieß früher Madagaskar | Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

Frankie und Lars sind beste Freunde. Als Lars nicht in der Schule erscheint, macht sich Frankie Sorgen, doch an der Haustür wimmelt ihn Lars Mutter ab. So steigt Frankie kurzerhand durchs Erdgeschoss-Fenster zu Lars ein und entdeckt, dass dieser ein blaues Auge hat. Seiner Mutter sei im Affekt „die Hand ausgerutscht“, und er sei gegen einen Gegenstand gestoßen, sagt Lars. Sein Vater weiß nichts davon, weil er so selten zu Hause ist. Um ihm beizustehen, zieht Frankie bei Lars ein. Denn was Lars widerfahren ist, sei ungerecht und darf nicht wieder passieren. In seiner Verzweiflung sieht Lars nur den Ausweg nach Madagaskar auszuwandern, das nicht weit von Berlin und wo er schon einmal war. Frankie zweifelt, dass Madagaskar so nahe liegt und tippt auf Magdeburg. Der Versuch nach Madagaskar oder Magdeburg zu trampen, scheitert, denn Kinder nimmt keiner mit. Und so kehren sie wieder in das Zimmer von Lars zurück. Mit Hartnäckigkeit gelingt es Frankie zwischen den Eltern von Lars zu vermitteln, bis seine Mutter schließlich sagt, dass ihr es leid tut, dass ihr die Hand ausgerutscht ist. Frankie zieht wieder zu seinen Eltern, nicht ohne zu verkünden, dass er weiterhin genau hinschauen wird und wiederkommt, wenn so was nochmals passiert.

Begründung der IKARUS-Jury

Nicht von brutaler Gewalt gegenüber Kindern handelt die von Frank Panhans nach dem Buch von Zoran Dvrenkar in Szene gesetzte Geschichte, sondern vom „Handausrutschen“, was in circa der Hälfte aller Haushalte passiert, oftmals aus Hilflosigkeit. Dieses Thema nicht zu verschweigen und für Sechsjährige auf die Bühne zu bringen, ohne zu verharmlosen oder die Kinder verängstigt zu entlassen, ist eine Herausforderung, die die Inszenierung hervorragend meistert.  Jens Mondalski vermittelt als Lars sehr hautnah die Enttäuschung, Verzweiflung und Scham eines Kindes nach einer Handgreiflichkeit. Aber auch die Sehnsucht nach Vertrauen und Freundschaft, die ihm Frederic Phung als Frankie bietet, der mit Beharrlichkeit nach Gerechtigkeit und Vermittlung sucht. Denn das Kinder schlagen äußerst ungerecht ist, daran lässt er keinen Zweifel. Dennoch bringen ihre Dialoge und auch ihre Begegnungen mit den seltsamsten Menschen bei ihrem Versuch nach Madagaskar zur reisen, das Publikum herzhaft zum Lachen, so dass das schwierige Thema mit einer guten Portion Heiterkeit transportiert wird.

MALALA | ATZE Musiktheater | ab 10 Jahre

MALALA | Foto: Jörg Metzner
MALALA | Foto: Jörg Metzner

„Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift kann die Welt verändern“ - unter Regisseurin Göksen Güntel ist am Atze Musiktheater ein Kinderstück entstanden, bei dem nicht nur die Kinder ergriffen sind.

Malalas Vater (Rasmus Wirth) gründet eine Schule im Swat-Tal, die von den pakistanischen Taliban zerstört wird. Mit elf Jahren schreibt Malala unter einem Synonym in einem online Tagebuch über die dramatischen Zustände in ihrer Heimat, bis ihr 2012 ein Taliban im Schulbus in den Kopf schießt. Malala, einfühlsam gespielt von Dela Dabulamanzi, überlebt und hat 2014 als jüngste Person den Friedensnobelpreis bekommen.

Begründung der IKARUS-Jury

Im kindlichem Spiel erzählen Malala und ihre Freundin Moniba (Javeh Asefdzah) von Unterdrückung und Familiengewalt in Pakistan. Malalas Emanzipation aus den Zwängen der Männerwelt und den Traditionen ihres Volkes ist ein echtes Vorbild. Immer wieder brechen die Schauspieler eine Lanze für die Bildung aller Mädchen, und erklären einfach und einleuchtend, warum Bildung so wichtig ist. Mit Livemusik, bunten Kostümen, Weintrauben und einigen pointierten Videoeinspielungen wird das Publikum in eine ferne Welt gelockt, die so fern ja gar nicht ist, sinnlich und aufklärerisch zugleich. Ein prall gefülltes Theatererlebnis mit viel Herz und einem ehrlichem Anliegen, rührend, treffend und ganz wahr.

#BerlinBerlin | THEATER STRAHL | ab 14 Jahre

#BerlinBerlin | Foto: Jörg Metzner
#BerlinBerlin | Foto: Jörg Metzner

Von Mauern und Menschen. Wenn sich zwei Jugendliche in der Zukunft „Happy New Year 2099“ über die Mauern und die Freiheit Gedanken machen, scheint es kein eindeutiges Gedankenkonstrukt mehr zu sein: Wo ist das drinnen und draußen? Die Reise in die Vergangenheit beginnt mit der Geburt von Ingo am Tag des Mauerbaus im Jahr 1961. Da sein Vater die Gelegenheit ergreift, in West-Berlin zu bleiben, wächst Ingo bei der Mutter in Ost-Berlin auf. Von Sehnsüchten, Enttäuschungen, Verdrängungen und Hoffnung umgeben, reift er heran und strebt nach der "Wahrheit" und dem Wunsch nach mehr Freiheit im Westen, bis plötzlich 1989 die Grenzen wieder offen sind.

Begründung der IKARUS-Jury

Theater Strahl gelingt mit diesem Jugendstück der vier Autor*innen verschiedener Generationen und Herkunft in der Inszenierung von Jörg Steinberg nicht nur eine packende Familiengeschichte, die vom Mauerbau und Mauerfall so schicksalhaft geprägt wurde, sondern ein lehrreiches Stück über die Geschichte der Stadt und ihren Zeitgeist. Rasant, unterhaltsam und zum Nachdenken verführend, verkörpern die sechs Schauspieler*innen in schnellen Szenen-, Rollen- und Kostümwechseln, überzeugend zwei deutsche Lebenswelten. Im Spannungsfeld einer angeregten Wechselwirkung zwischen lustvoller Life-Rockmusik aus beiden Deutschlandhälften und schwungvoll gespielten Einzelszenen lernen wir glaubwürdige Personen kennen, die sich mit den unglaublichen Herausforderungen der Geschichte auseinander setzen müssen.

Mit dieser dynamischen Geschichtsrevue im Retro-Look überzeugen die Spieler*innen durch beeindruckende Ensembleleistung in einem einfach wandelbaren und eindrücklichen Bühnenbild von Fred Pommerrehn, und lässt die vergangene Zeit der Teilung nochmal lebendig werden – so dass die heutigen Nachwendejugendlichen sich nochmal die weiterhin gültige Frage stellen können :Wenn da eine Mauer ist – wo ist drinnen und wo ist draußen?

Beben | THEATER AN DER PARKAUE - Junges Staatstheater Berlin | ab 15 Jahre

Beben | Foto: Christian Brachwitz
Beben | Foto: Christian Brachwitz

Zwischen Apokalypse und Verschwörung, Nostalgie und Mythologie sucht „Beben“ nach einen namenlosen „Wir“, das nirgendwo richtig zu greifen ist, weil es überall zugleich ist. Dem Regisseur, Volker Metzler, ist eine grandios-moderne Bühnenadaption des Fließtextes von Maria Milisavljevic gelungen.

Weiße Bühnenkonstruktion, die an ein altes Computerspiel erinnert, sterile weiße Kostüme mit neonfarbenen Effekten sowie ein DJ-Musiker in der zentralsten Bühnenposition plaziert, der die Spieler wie ein gelangweilter Tyrann von einer Szene in die nächste zwingt, lassen alles gleichzeitig abstrakt und reell erscheinen. Aber ist dieser Tyrann nicht der Mann, der an der Kante sitzt und Menschen wie Spielfiguren aus seiner Tasche zieht, um sich an ihren Kriegen zu belustigen? Wer sich hier zurecht findet, der hat es nicht verstanden.

Begründung der Jury

Politisch brisant, ästhetisch grell und schauspielerisch hoch präzise gearbeitet ist „Beben“ ein künstlerisches Kleinod. Ein Kunstwerk im wörtlichen Sinne, ein Trip, ein Fausthieb in die Magengegend und eine wunderbare Erfahrung. Herausragend und herausfordernd zugleich.

IKARUS Theaterpreis - für Kindertheater und Jugendtheater in Berlin

Der IKARUS wird seit 2002 vom JugendKulturService als Auszeichnung für herausragende Berliner Theaterinszenierungen für Kinder und Jugendliche vergeben und ist seit 2013 mit einem Preisgeld dotiert. Der IKARUS möchte auf außergewöhnliche Theaterstücke aufmerksam machen, die den Theaterbesuchern besonders empfohlen werden. Nominierungen und Preisträger des IKARUS werden von einer unabhängigen Jury entschieden.

Erweiterung um IKARUS-Jugendjury 2018: Erstmals wird neben der Fachjury von Berliner Kultur- und Bildungsschaffenden in 2018 auch eine Gruppe Jugendlicher die nominierten Inszenierungen begutachten, sich eigene Werkzeuge für die kritische Theaterbetrachtung erarbeiten und ihren eigenen Preisträger benennen. Wir freuen uns auf mehr Perspektiven und auf eine vielfältige und anregende Debatte über Qualität, Ziele und Wirkung von Theater!

Die Dotierung wird ermöglicht durch das Engagement der Joachim und Anita Stapel Stiftung, dem Berliner Jugendclub e.V. und durch die Unterstützung unserer Spendenaktion durch Bürgerinnen und Bürger. Sie alle setzen damit ein deutliches Zeichen: Applaus und Anerkennung für diese künstlerische Arbeit!

Links zum Thema

Download Spielplanheft IKARUS 2018 (PDF)

Download Programmheft IKARUS 2018 (PDF)

Informationen zur IKARUS-Spendenaktion

Der JugendKulturService dankt der Joachim und Anita Stapel Stiftung und dem Berliner Jugendclub e.V. für das Engagement beim IKARUS.

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