Sonderpreis „Theater im Blick“ beim Berliner Schülerzeitungswettbewerb

Seit Jahren beteiligt sich der JugendKulturService am Berliner Schülerzeitungswettbewerb mit dem Sonderpreis "Theater im Blick".

Illustration: Lorenz Willkomm 
Illustration: Lorenz Willkomm

Ausschreibung für den Wettbewerb 2016/17:

"Theater sehen, verstehen, beurteilen – und über Theater schreiben! Dafür lobt der JugendKulturService den „Theaterpreis“ aus: Reizt dich ein Interview mit einem Theater-Akteur oder ein Portrait von Theaterleuten? Ein Kommentar, eine Reportage oder Rezension über eine Bühnenproduktion oder Theateraufführung? Lass dich inspirieren von den vielen Kinder- und Jugendtheatern und Musik-, Tanz- und Sprechbühnen Berlins und bewirb dich mit einem Artikel zum Berliner Theaterleben. Der JugendKulturService lobt die Teilnahme an einer professionell angeleiteten Schreibwerkstatt (Workshop mit theaterpraktischem und journalistischem Teil) aus, um deine Talente zu fördern und auszubauen."

Hintergründe und Fristen zum Wettbewerb

Der Berliner Schülerzeitungs-Wettbewerb wird von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie gemeinsam mit der Jungen Presse Berlin und der Berliner Morgenpost veranstaltet. Er stellt ein wichtiges Instrument zur Anerkennung und Förderung des Engagements junger Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten dar. Noch bis zum 30. November 2016 können (Online-) Schülerzeitungen aller Schularten ihre Ausgaben aus dem Jahr 2016 zur Teilnahme beim Wettbewerb bei der Jungen Presse Berlin einreichen.

Texte aus der Schreibwerkstatt:

Am 27. Januar 2016 wurden im Roten Rathaus die besten Schülerzeitungen des Jahres 2015/16 geehrt. Den Sonderpreis „Theater im Blick“ erhielt die Schülerzeitung „Anna-Freud-Culture“ der Anna-Freud-Schule aus Charlottenburg. Kurz vor den Sommerferien haben die Redakteurinnen gemeinsam mit der Theaterpädagogin Cornelia Sturm und der Journalistin Regine Bruckmann das Theaterstück „WEIßBROTMUSIK“ vom Theater STRAHL besucht.  In der eine Woche später folgenden Schreibwerkstatt sind dann mit Unterstützung der Theaterpädagogin und der Journalistin fünf Texte entstanden.

Der JugendKulturService freut sich über die Erlaubnis der Schülerinnen, ihre Texte veröffentlichen zu dürfen. Sie sollen Anreiz und Inspiration für andere Schülerzeitungsredaktionen sein, sich journalistisch mit der Welt des Theater auseinanderzusetzen.

Die vierte Wand

Zwischen den Szenen spielt Musik. Die Schauspieler ziehen sich auf der Bühne um, werfen ihre Klamotten irgendwo hin und flitzen in die nächste Szene.

Die laute, klassische, energetische, treibende Musik ist ausschlaggebend für den Titel des Theaterstücks, Weißbrotmusik.

Nur einmal ganz kurz fällt dieses Wort, auf das sich zuerst niemand so recht einen Reim machen konnte. Trotzdem ist es einmalig um die Situation einer der Hauptcharaktere zu beschreiben / verdeutlichen.
Das Stück wird auf einer kleinen, weißen, etwas höher gestellten, massiven Bühne inszeniert. Tatsächlich war mein erster Gedanke beim Betreten des Raumes, -Oh Gott, diese Bühne ist winzig! Darauf wollen die ein ganzes Stück spielen?! Wie? –

Die Antwort auf diese Frage ist simpel. Das dort ist nicht die ganze Bühne. Zu allererst ist zu sagen, dass zwar alle Schauspieler immer auf der Bühne sind, aber im Hintergrund, trotzdem immer „Da“. Fast, als wären alle Personen immer im Unterbewusstsein der Spielenden.
Des Weiteren gibt es hinter der Bühne einen Schattenraum, der leider viel zu wenig genutzt wurde! Wenn man sowas mit einbaut, dann richtig und mehrmals oder in einer Schlüsselszene, die es Wert ist, hervorgehoben zu werden. Nicht nur ein einziges Mal. So wirkte es, als wollten sie sagen – ach so, ja, und wir können noch das hier! –

Sedat ist zwar in Deutschland geboren, wie ihm sein bester Freund Aron klar macht, aber der Polizist, der ihn auf den Boden zwingt und Dope von ihm kaufen will, weil er sich sicher war, hier einen „Kanacken ohne Papiere“ vor sich zu haben, ist nur einer der vielen Faktoren, die Sedat in seiner Identität und Sicherheit verunsichern.

Aber nicht nur er leidet unter Reduzierung auf Nationalität, Aussehen und genereller Diskriminierung. Seine Freundin oder eher Bekannte, die er mehr oder weniger aus Versehen geschwängert hat, Nurit, ist sich mit so ziemlich allem unsicher. Sie weiß nicht ob sie das Ungeborene behalten will, wie sie „das alles“ bezahlen soll, ob es nicht viel einfacher wäre, einer belebten Straße sich selbst und all ihre Probleme zu überlassen. (sie weiß nicht, wem sie glauben, wem vertrauen soll.) Schließlich wendet sie sich an den ebenso hilflosen Aron.

Die Mütter der drei Hauptfiguren überzeugen mich nochmal davon, dass diese Bühne definitiv nicht zu klein ist.  Eine Frau stellt sich hinten auf die Bank, die drei Kinder sprechen zwar zum Publikum, stehen an allen drei Seiten, doch es ist klar, dass hier alle drei Kinder, mit ihren Müttern sprechen.
Ihre Mutter soll ihnen Halt geben, doch stattdessen droht sie mit Militär, wollen doch nur das beste, oder sind der festen und einzig richtigen Überzeugung, dass alle Männer Schweine sind.

Unter dem Deckmantel des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit und den Ansichten eines aufgebrachten Nationalisten aus dem Publikum bearbeitet „Weißbrotmusik“ gelungen die Identitäten-Frage, die sich viele Menschen im Laufe ihres Lebens irgendwann stellen. Wer bin ich, was macht mich aus und wo gehöre ich hin?

All das ist Thema dieses Stücks. Identitätskrisen bei jungen Menschen ausgelöst durch Rassismus, Vorurteile, fehlende Unterstützung, Familie und Freundschaft, Probleme und Glück.
Alles in allem geht es also um das Leben.

Bella, Redakteurin der Schülerzeitung „Anna-Freud-Culture“

Fragen ohne Antworten

Wo gehören wir hin?
Wozu gehören wir?
Wer entscheidet zu wem oder was wir gehören?
Was, wenn man nirgendwo dazu gehört?
Gehört man immer irgendwo dazu?
Aber – was wenn nicht?
Was macht das mit einem?
Welche Gefühle hat man bei Zugehörigkeit?
Welche, wenn keine vorhanden ist?
Wer bist du?
Wer bin ich?
Womit identifizierst du dich als du selbst?
Was macht mich zu dem, was ich bin?
Woher weiß ich, wer ich bin?
Wann find' ich heraus, wer ich bin?
Was, wenn ich es nicht herausfinde?
Was spielt mein Umfeld für eine Rolle?
Wär ich jemand anderes, wenn ich nach links, anstatt rechts abgebogen wäre?
Was hat meine Herkunft damit zutun?
Ist mein Heimatsland auch meine Heimat?
Was, wenn ich mich dort nicht heimisch fühle?
Was, wenn ich mich nicht mit dem Land, indem ich aufgewachsen bin, identifizieren kann?
Zu was macht mich das?
Wie lässt mich das fühlen?
Bin ich heimatslos?
Wo finde ich meine Heimat?
Woher weiß ich, dass ich sie gefunden hab?
Und wer, sag mir wer, hat die Antwort auf all meine Fragen, wenn selbst ich keine hab?

Liza, Redakteurin der Schülerzeitung „Anna-Freud-Culture“

Abtreibung, wenn das Leben aus den Fugen gerät

Was soll ich tun, ich bin 17 Jahre alt und schwanger?
Was bringt es mir, wenn ich das Kind abtreiben lasse?
Eröffnet mir das neue Perspektiven, auch für meine Zukunft und auch für die Zukunft meines sozialen Umfeldes?

Ich sitze zu Hause und warte auf meinen Freund und die Reaktion meines Freundes. Ich werde ihm heute sagen, dass ich schwanger bin und welche Gefühle ich habe. Ich bin schon gespannt auf seine Reaktion. Ich weiß eines ganz klar, ich will dieses Kind, welches in mir heranwächst nicht töten. Es würde mir das Herz zerreißen, dies zu tun. Vorher möchte ich selber sterben, dieses Kind war nicht gewollt, nun aber ist es da. Ich weiß noch nicht wie die Zukunft mit diesem, mit meinem Kind sein wird, aber ich will dieses Kind. Meine Mutter hat mir klar zu verstehen gegeben, dass ich es abtreiben lassen soll, wegen meiner Zukunft und weil mein Freund und ich dem Kind nichts bieten können.

Aber mir wird immer mehr klar, je länger ich darüber nachdenke, dass ich es will, mehr als alles andere auf der Welt. Dieses Kind ist ein Wunder und mir ist klar, dass es schwer ist an Wunder zu glauben, wenn man in Krisensituationen ist, auch wenn man sich hilflos und alleine füllt, wenn es niemand und auch keinen Ort oder Gegenstand gibt, welcher einen auffängt wie auf einer Wolke oder eine Hängematte.

Viele Menschen, vor allem Frauen, wären gerne in meiner Situation, sie wünschen sich ein Kind, sie wollen dieses Wunder erleben und dabei sein, wenn es heranwächst mit allen seinen Details und mit allen seinen Besonderheiten. Es ist ein ähnliches Gefühl, wenn man miterlebt wie eine Larve zu einem Schmetterling heranwächst, lernt frei zu fliegen und fliegen kann. Eltern müssen ihr Kind auch irgendwann los- beziehungsweise gehenlassen, das Kind sollte lernen und dazu erzogen werden, sich selbstständig zu verhalten und mit Konsequenzen, Konflikten umzugehen. Das Abhängigkeitsverhältnis zu der oder den Bezugspersonen muss gelöst werden für die Entwicklung zu einer für sich selbst verantwortungsübernehmenden Persönlichkeit. Wenn dies nicht geschieht kann kaum Distanz aufgebaut werden zwischen Kindern und Bezugsperson/en.

Ich glaube aber, dass es schwer ist sein Kind gehen zu lassen, wegen dieser hoffentlich  engen und einzigartigen Bindung beziehungsweise Beziehung.

Deshalb ist es beispielsweise das Thema Abtreibung schwierig, auch überhaupt dazu eine Position zu beziehen, weil die Menschen sich innerhalb von kurzer Zeit für oder gegen etwas entscheiden müssen, ohne zu wissen wie es sich entwickelt und wie es auch das eigene Leben auf den Kopf stellt.

Die Frage würde einen verfolgen: „Was wäre, wenn?“

Juliane, Redakteurin der Schülerzeitung „Anna-Freud-Culture“

WEIßBROTMUSIK

WEIß ist weiß. weder warm noch kalt, weder dunkel noch wirklich hell, es ist Zimmerwand, Untergrund, Blütenpracht und Wolkenwand, es ist neutral, es ist einfach, halt weiß.

BROT ist Kohlenhydrat, Vielfachzucker, Energie und damit lebenswichtig, es ist labbrig, weiß, grau, dunkel, Vollkorn, knusprig, hart und hoffentlich auch lecker.

MUSIK ist Kunst, Komposition, Ton, Instrument, Rhythmus, Zusammenspiel, sie ist leise oder laut, langsam oder schnell, tief oder hoch und manchmal auch alles zusammen, man kann sie genießen, verachten, dazu tanzen und sie machen.

WEIßBROTMUSIK ist lustig, ernst, anregend, mitreißend, verwirrend, aufregend, unterhaltsam und kritisch, es handelt sich um ein Zusammenspiel von Witz und Schock und Gesellschaftskritik, welche überrascht und zum Denken anregt.

WEIß BROT MUSIK - eine einfache und doch lebenswichtige Art der Kunst.

Emily, Redakteurin der Schülerzeitung „Anna-Freud-Culture“

HEIMAT

Heimat ist, wo man herkommt, wo man geboren wurde
Heimat ist, wo die Mama lebt und es Freunde gibt
Heimat ist, wo sich um einen gesorgt wird
Heimat ist, wo man das Recht hat, man selbst zu sein
Heimat ist Geborgenheit
Heimat ist Essen
Heimat ist Wärme
Heimat ist Akzeptanz
Doch was, wenn es das nicht gibt?
Kein Ort zum Wohlfühlen, kein Gefühl von Liebe, keine Freunde, keine Rechte, keine Stimme?
stumm, sprachlos, verachtet, dumm
verdrängt aus der Heimat
rausgeschmissen, abgeschoben, deportiert
Was ist, wenn an keine Identität besitzt?
Du gehörst hier nicht hin! Unser Land! Wie siehst du denn aus? Du bist keiner von uns! Der versteht sowieso nichts, der ist Ausländer...
Identität- Unverständnis, Rechte- Verdrängung, Akzeptanz- Rassismus, Liebe-Gewalt
Und dabei will ich doch nur eine Heimat!
Heimat ist, wo man Probleme macht
Heimat ist, wo man keine Rechte hat
Heimat ist, wo man missachtet wird
Heimat ist Unverständnis
Heimat ist Gerede
Heimat ist Unterdrückung
Heimat ist Diskriminierung
Heimat ist Brutalität
Heimat ist Tod

Emily, Redakteurin der Schülerzeitung „Anna-Freud-Culture“

Zum Theaterstück „Weissbrotmusik“

Das Theaterstück „Weissbrotmusik“ zeigt den Umgang mit der eigenen Identität von Jugendlichen in der heutigen Gesellschaft und die damit verbundenen Probleme.

Im Vordergrund steht die Geschichte eines schwangeren 17-jährigen Mädchen. Der Vater des Kindes hat sich lange nicht mehr gemeldet. Er, Sedat, möchte einerseits das Kind behalten, andererseits wird deutlich, dass er noch Bedenken hat. Auch Nurit, das schwangere Mädchen, macht sich Sorgen, was das Kind angeht, möchte es aber mit Sedat zusammen bekommen.

Das Stück bekommt eine Wendung, als ein älterer Herr aus dem Publikum aufsteht und sich über das Stück und die Schauspieler beschwert. Immer wieder äußert er sich zum Theaterstück. Dies ist, wie sich später herausstellte, ein Mittel um die Zuschauer mit einzubeziehen.

Rassismus ist das große Thema, dem sich hier genähert wird. Die Charaktere haben häufig mit rassistischen Äußerungen zu tun, dadurch wird ihnen die Findung einer eigenen Identität erschwert. Zum Ende hin tritt die eigentliche Geschichte rund um das schwangere Mädchen in den Hintergrund.

Durch ein Gerichtsurteil wird Sedat nach einer Schlägerei abgeschoben, eine vermutlich nicht gerechte Entscheidung rassistischem Hintergrunds.
Zum Schluss stellt sich also der vorherrschende Rassismus über das Finden einer Identität und dem friedlichen Familienleben.

Das Theaterstück ist in dem Fall gelungen, es bleibt realitätsnah und wirkt nicht überzogen, weder in der Sprache noch in der Geschichte.

Neele, Redakteurin der Schülerzeitung „Anna-Freud-Culture“

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