IKARUS 2018 – Theaterpreis für Kinder- und Jugendtheater aus Berlin

Welche Theaterstücke sind für den IKARUS 2018 nominiert?

Bremer Stadtmusikanten | Rike Schuberty & Figurentheater Grashüpfer | ab 4 Jahre

Bremer Stadtmusikanten | Foto: Jann Skroblin
Bremer Stadtmusikanten | Foto: Jann Skroblin

Aus vier macht eins – die Kunst der Verwandlung gehört zum Theater und insbesondere die Objekt- und Puppentheaterspielerinnen wissen einen immer wieder mit neuen Spielformen zu überraschen. So auch Rike Schuberty, die uns – ganz allein – die Geschichte von Esel, Hund, Katze und Hahn vorspielt, die sich, von den Menschen schlecht behandelt, losgesagt haben, um ein besseres Leben zu finden, vielleicht als Musikanten in Bremen.

Begründug der IKARUS-Jury

Den Esel spielt Rike Schuberty selbst, ein bisschen launig, ein bisschen unsicher, ein bisschen neugierig schwingt sie sich auf ein altres klappriges (Stand)Fahrrad. Der Hund, ein dickes Plüsch-Exemplar, kommt dazu und spricht zu aller Überraschung nur englisch. Aber die beiden verständigen sich prima, und die kleinen Zuschauer erleben – was mit zu den Besonderheiten und Reizen der Inszenierung gehört – ganz nebenbei, wie so was funktionieren kann.

Die Dame Katze, ein etwas abgetakeltes Damenhandtäschchen, jammert ihr Leid auf russisch und der freche Hahn, als umgedrehter Gummihandschuh auf der Fahrradklingel, gibt seine Kommentare auf türkisch.
So zackeln die vier dynamisch weiter und erleben das bekannte Abenteuer mit den Räubern in der Hütte im Wald. Ihr Zusammenhalt, ihre Kommunikation, verkörpert durch die eine Spielerin, die alle aufleben lässt, machen den Kern der sehr charmanten Inszenierung aus. Dass die Spielerin dann auch noch die ganze Räuberbande mitspielt, überrascht nicht mehr und beeindruckt dennoch.
Eine schöne Inszenierung.

Magdeburg hieß früher Madagaskar | GRIPS Theater | ab 6 Jahre

Magdeburg hieß früher Madagaskar | Foto: David Baltzer/bildbuehne.de
Magdeburg hieß früher Madagaskar | Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

Frankie und Lars sind beste Freunde. Als Lars nicht in der Schule erscheint, macht sich Frankie Sorgen, doch an der Haustür wimmelt ihn Lars Mutter ab. So steigt Frankie kurzerhand durchs Erdgeschoss-Fenster zu Lars ein und entdeckt, dass dieser ein blaues Auge hat. Seiner Mutter sei im Affekt „die Hand ausgerutscht“, und er sei gegen einen Gegenstand gestoßen, sagt Lars. Sein Vater weiß nichts davon, weil er so selten zu Hause ist. Um ihm beizustehen, zieht Frankie bei Lars ein. Denn was Lars widerfahren ist, sei ungerecht und darf nicht wieder passieren. In seiner Verzweiflung sieht Lars nur den Ausweg nach Madagaskar auszuwandern, das nicht weit von Berlin und wo er schon einmal war. Frankie zweifelt, dass Madagaskar so nahe liegt und tippt auf Magdeburg. Der Versuch nach Madagaskar oder Magdeburg zu trampen, scheitert, denn Kinder nimmt keiner mit. Und so kehren sie wieder in das Zimmer von Lars zurück. Mit Hartnäckigkeit gelingt es Frankie zwischen den Eltern von Lars zu vermitteln, bis seine Mutter schließlich sagt, dass ihr es leid tut, dass ihr die Hand ausgerutscht ist. Frankie zieht wieder zu seinen Eltern, nicht ohne zu verkünden, dass er weiterhin genau hinschauen wird und wiederkommt, wenn so was nochmals passiert.

Begründung der IKARUS-Jury

Nicht von brutaler Gewalt gegenüber Kindern handelt die von Frank Panhans nach dem Buch von Zoran Dvrenkar in Szene gesetzte Geschichte, sondern vom „Handausrutschen“, was in circa der Hälfte aller Haushalte passiert, oftmals aus Hilflosigkeit. Dieses Thema nicht zu verschweigen und für Sechsjährige auf die Bühne zu bringen, ohne zu verharmlosen oder die Kinder verängstigt zu entlassen, ist eine Herausforderung, die die Inszenierung hervorragend meistert.  Jens Mondalski vermittelt als Lars sehr hautnah die Enttäuschung, Verzweiflung und Scham eines Kindes nach einer Handgreiflichkeit. Aber auch die Sehnsucht nach Vertrauen und Freundschaft, die ihm Frederic Phung als Frankie bietet, der mit Beharrlichkeit nach Gerechtigkeit und Vermittlung sucht. Denn das Kinder schlagen äußerst ungerecht ist, daran lässt er keinen Zweifel. Dennoch bringen ihre Dialoge und auch ihre Begegnungen mit den seltsamsten Menschen bei ihrem Versuch nach Madagaskar zur reisen, das Publikum herzhaft zum Lachen, so dass das schwierige Thema mit einer guten Portion Heiterkeit transportiert wird.

Die Hühneroper | ATZE Musiktheater | ab 6 Jahre

Die Hühneroper | Foto: Jörg Metzner
Die Hühneroper | Foto: Jörg Metzner

3.333 erwachsene Legehennen und ein Hühnchen leben auf einer Hühnerfarm unter den schlechten Bedingungen der Massentierhaltung. Das Hühnchen hat einen großen Freiheitsdrang, träumt vom Fliegen und möchte goldene Eier legen, wenn es groß ist. Eines Tages entdeckt es ein Loch ins Freie und damit zum ersten Mal die Welt außerhalb des Stalls.  Die Begeisterung darüber verführt auch die Legehennen unter dem Motto „Hühner, zur Sonne zur Freiheit“ zum „Ausbruch“.  Dabei haben sie allerdings nicht an den Verwalter und die herumstreunenden Füchse gedacht, die letztendlich dafür sorgen, dass die Hennen die Nacht statt unter Sternenhimmel wieder in ihrem Stall verbringen. Es bleibt spannend bis zum Schluss, ob sich das Hühnerleben unter blauem Himmel auf  grünen Wiesen mit leckeren Regenwürmern verwirklichen lässt.

Begründung der IKARUS-Jury

Die Inszenierung unter der Regie von Göksen Güntel sprüht vor Tempo, Witz und Komik, ohne jedoch die fatale Lage der Protagonisten auf einer Tierhaltungsfarm zu verharmlosen oder gar aus den Augen zu verlieren, wo diese ihr Leben ohne natürliches Licht, mit Kraftfutter gemästet auf knappen Raum verbringen und vom Verwalter tracktiert werden, den nur der Gewinn aus dem Verkauf möglichst vieler Eier interessiert. Die Schauspieler*innen, zum Teil gleichzeitig auch die Musiker*innen, in ihren originell  schrägen Hühnerkostümen überzeugen mit Spielfreude und mitreißenden Liedern von Thomas Sutter, die von der musikalischen Leiterin Sinem Altan gelungen arrangiert wurden. Die Hühneroper zu hören und zu sehen macht riesigen Spaß, gleichzeitig gelingt es die großen und kleinen Zuschauer für das Thema der Massentierhaltung und ihre Folgen  zu sensibilisieren. Wer die Hühneroper gesehen hat, wird beim nächsten Eierkauf  nicht zögern, die von freilaufenden Hühnern zu nehmen.

MALALA | ATZE Musiktheater | ab 10 Jahre

MALALA | Foto: Jörg Metzner
MALALA | Foto: Jörg Metzner

„Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift kann die Welt verändern“ - unter Regisseurin Göksen Güntel ist am Atze Musiktheater ein Kinderstück entstanden, bei dem nicht nur die Kinder ergriffen sind.

Malalas Vater (Rasmus Wirth) gründet eine Schule im Swat-Tal, die von den pakistanischen Taliban zerstört wird. Mit elf Jahren schreibt Malala unter einem Synonym in einem online Tagebuch über die dramatischen Zustände in ihrer Heimat, bis ihr 2012 ein Taliban im Schulbus in den Kopf schießt. Malala, einfühlsam gespielt von Dela Dabulamanzi, überlebt und hat 2014 als jüngste Person den Friedensnobelpreis bekommen.

Begründung der IKARUS-Jury

Im kindlichem Spiel erzählen Malala und ihre Freundin Moniba (Javeh Asefdzah) von Unterdrückung und Familiengewalt in Pakistan. Malalas Emanzipation aus den Zwängen der Männerwelt und den Traditionen ihres Volkes ist ein echtes Vorbild. Immer wieder brechen die Schauspieler eine Lanze für die Bildung aller Mädchen, und erklären einfach und einleuchtend, warum Bildung so wichtig ist. Mit Livemusik, bunten Kostümen, Weintrauben und einigen pointierten Videoeinspielungen wird das Publikum in eine ferne Welt gelockt, die so fern ja gar nicht ist, sinnlich und aufklärerisch zugleich. Ein prall gefülltes Theatererlebnis mit viel Herz und einem ehrlichem Anliegen, rührend, treffend und ganz wahr.

#BerlinBerlin | Theater Strahl | ab 14 Jahre

#BerlinBerlin | Foto: Jörg Metzner
#BerlinBerlin | Foto: Jörg Metzner

Von Mauern und Menschen. Wenn sich zwei Jugendliche in der Zukunft „Happy New Year 2099“ über die Mauern und die Freiheit Gedanken machen, scheint es kein eindeutiges Gedankenkonstrukt mehr zu sein: Wo ist das drinnen und draußen? Die Reise in die Vergangenheit beginnt mit der Geburt von Ingo am Tag des Mauerbaus im Jahr 1961. Da sein Vater die Gelegenheit ergreift, in West-Berlin zu bleiben, wächst Ingo bei der Mutter in Ost-Berlin auf. Von Sehnsüchten, Enttäuschungen, Verdrängungen und Hoffnung umgeben, reift er heran und strebt nach der "Wahrheit" und dem Wunsch nach mehr Freiheit im Westen, bis plötzlich 1989 die Grenzen wieder offen sind.

Begründung der IKARUS-Jury

Theater Strahl gelingt mit diesem Jugendstück der vier Autor*innen verschiedener Generationen und Herkunft in der Inszenierung von Jörg Steinberg nicht nur eine packende Familiengeschichte, die vom Mauerbau und Mauerfall so schicksalhaft geprägt wurde, sondern ein lehrreiches Stück über die Geschichte der Stadt und ihren Zeitgeist. Rasant, unterhaltsam und zum Nachdenken verführend, verkörpern die sechs Schauspieler*innen in schnellen Szenen-, Rollen- und Kostümwechseln, überzeugend zwei deutsche Lebenswelten. Im Spannungsfeld einer angeregten Wechselwirkung zwischen lustvoller Life-Rockmusik aus beiden Deutschlandhälften und schwungvoll gespielten Einzelszenen lernen wir glaubwürdige Personen kennen, die sich mit den unglaublichen Herausforderungen der Geschichte auseinander setzen müssen.

Mit dieser dynamischen Geschichtsrevue im Retro-Look überzeugen die Spieler*innen durch beeindruckende Ensembleleistung in einem einfach wandelbaren und eindrücklichen Bühnenbild von Fred Pommerrehn, und lässt die vergangene Zeit der Teilung nochmal lebendig werden – so dass die heutigen Nachwendejugendlichen sich nochmal die weiterhin gültige Frage stellen können :Wenn da eine Mauer ist – wo ist drinnen und wo ist draußen?

IKARUS Theaterpreis - für Kindertheater und Jugendtheater in Berlin

Der IKARUS wird seit 2002 vom JugendKulturService als Auszeichnung für herausragende Berliner Theaterinszenierungen für Kinder und Jugendliche vergeben und ist seit 2013 mit einem Preisgeld dotiert. Der IKARUS möchte auf außergewöhnliche Theaterstücke aufmerksam machen, die den Theaterbesuchern besonders empfohlen werden. Nominierungen und Preisträger des IKARUS werden von einer unabhängigen Jury entschieden.

Erweiterung um IKARUS-Jugendjury 2018: Erstmals wird neben der Fachjury von Berliner Kultur- und Bildungsschaffenden in 2018 auch eine Gruppe Jugendlicher die nominierten Inszenierungen begutachten, sich eigene Werkzeuge für die kritische Theaterbetrachtung erarbeiten und ihren eigenen Preisträger benennen. Wir freuen uns auf mehr Perspektiven und auf eine vielfältige und anregende Debatte über Qualität, Ziele und Wirkung von Theater!

Die Dotierung wird ermöglicht durch das Engagement der Joachim und Anita Stapel Stiftung, dem Berliner Jugendclub e.V. und durch die Unterstützung unserer Spendenaktion durch Bürgerinnen und Bürger. Sie alle setzen damit ein deutliches Zeichen: Applaus und Anerkennung für diese künstlerische Arbeit!

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