"Dschabber" und "Unterscheidet euch! Ein Gesellschaftsspiel" gewinnen den Kinder- und Jugendtheaterpreis IKARUS 2019!

Die beiden Preisträger des IKARUS 2019: "Unterscheidet euch. Ein Gesellschaftsspiel" (THEATER AN DER PARKAUE / Turbo Pascal) und "Dschabber" (GRIPS Theater) | Foto: Kay Herschelmann
Die beiden Preisträger des IKARUS 2019: "Unterscheidet euch. Ein Gesellschaftsspiel" (THEATER AN DER PARKAUE / Turbo Pascal) und "Dschabber" (GRIPS Theater) | Foto: Kay Herschelmann

Vor einem begeisterten Publikum wurde am 8. November 2019 im Theater an der Parkaue – Junges Staatstheater Berlin der IKARUS – Auszeichnung für herausragende Berliner Theaterinszenierungen für Kinder und Jugendliche verliehen. Mit der Entscheidung für diese beiden Stücke setzt der IKARUS ein klares Statement für qualitativ hochwertige Inszenierungen, die den Kindern und Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen.

Am Abend zeigten alle Nominierten Ausschnitte aus ihren Stücken, bevor die Jurys die Preisträger bekannt gaben und die Preise durch die Staatsekretärin für Jugend und Familie, Sigrid Klebba, den Staatssekretär für Kultur, Dr. Torsten Wöhlert, und den JugendKulturService verliehen wurden. Poetryslammer Felix Römer und die Band Nachtfarben führten durch den Abend.

Der im vergangenen Jahr eingeführte Preis der Jugendjury ist in diesem Jahr erstmals ebenfalls mit 5.000,- Euro dotiert. Ihr IKARUS ging an "Dschabber" vom GRIPS Theater. Der kanadische Autor Marcus Youssef erzählt unaufgeregt von zwei Jugendlichen, deren kulturelle Unterschiede groß sind – aber überbrückbar scheinen. Die
Jugendjury sagt dazu: „Dschabber hat den IKARUS verdient, weil eine gute Geschichte überzeugend und eindringlich umgesetzt wurde. Das Stück regt zum Nachdenken über Diskriminierung an und wie weit sie schon in unsere Gesellschaft 'eingedrungen' ist. Hoch aktuell und in der Umsetzung sehr besonders.“
Der mit 5.000,- Euro dotierte Preis der Preisjury wurde an "Unterscheidet euch! Ein Gesellschaftsspiel" von Turbo Pascal / THEATER AN DER PARKAUE verliehen. „Unterscheidet euch! ist ein interaktives, theatrales Gesellschaftsspiel und es ist ein Sprungbrett, ein Forschungslabor, ein Ideenpool. Es ist mutig und innovativ, neu und direkt überzeugend, aber vor allem ist es hochaktuell und politisch. Unbemerkt ereilt die Zuschauer*innen die Erkenntnis, dass eine diverse Gesellschaft kein Anlass ist, Menschen auszuschließen, sondern vielfältig bereichernd und unbedingt schützenswert!“ heißt es in der Begründung der Jury.

Kinder- und Jugendtheater führen junge Menschen nicht nur früh an Kultur heran, sondern regen sie mit den im Theater behandelten wesentlichen Themen unserer Gesellschaft auch dazu an, in ihrem Leben klarer Stellung beziehen zu können.
„Der Mut, etwas künstlerisch zu riskieren, sprich spannend, innovativ und experimentierfreudig und damit anders als der Mainstream zu machen, soll hier belohnt werden. „Hamwa schon immer so jemacht!“ ist keine Option, wenn wir vorstoßen wollen in neue Welten.“ lobte Dr. Torsten Wöhlert, Staatssekretär für
Kultur, die Nominierten.
„Theater für Kinder und Jugendliche braucht die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Dafür müssen ihre Anliegen und Meinungen ernst genommen und als ebenbürtig gesehen werden. Deshalb danke ich der Jugendjury ganz besonders für den frischen Blick, Ausdauer, Diskussionsbereitschaft und Entscheidungsfreude.“
sagte Staatssekretärin Klebba im Rahmen der Preisverleihung.

Jugendpreisträger 2019: "Dschabber" vom GRIPS Theater mit der Jugendjury, Staatssekretärin Klebba, Staatssekretär Dr. Wöhlert, Armin Stapel, Doris Weber-Seifert und Gunnar Güldner | Foto: Kay Herschelmann 
Jugendpreisträger 2019: "Dschabber" vom GRIPS Theater mit der Jugendjury, Staatssekretärin Klebba, Staatssekretär Dr. Wöhlert, Armin Stapel, Doris Weber-Seifert und Gunnar Güldner | Foto: Kay Herschelmann
Preisträger 2019: "Unterscheidet euch. Ein Gesellschaftsspiel" von Turbo Pascal / THEATER AN DER PARKAUE mit Staatssekretärin Klebba, Staatssekretär Dr. Wöhlert, Armin Stapel, Doris Weber-Seifert und Gunnar Güldner | Foto: Kay Herschelmann 
Preisträger 2019: "Unterscheidet euch. Ein Gesellschaftsspiel" von Turbo Pascal / THEATER AN DER PARKAUE mit Staatssekretärin Klebba, Staatssekretär Dr. Wöhlert, Armin Stapel, Doris Weber-Seifert und Gunnar Güldner | Foto: Kay Herschelmann
 

Die Laudatio der Jugendjury zu „Dschabber“:
8 Nominierungen, 8 Jurymitglieder, 8 Meinungen und trotzdem eine Übereinstimmung und eine Entscheidung, hinter der wir alle stehen können und die wir sehr begrüßen.
Dem Grips-Theater ist es gelungen mit "Dschabber" eine unaufdringliche Geschichte zweier Jugendlichen sehr eindringlich zu erzählen. Es ist eine  perfekte Mischung aus Unterhaltung und Ernsthaftigkeit!  Humorvoll und leicht werden sehr ernste und wichtige Themen behandelt: Diskriminierung, Vorurteile und Mistrauen. Kann man noch Jemandem vertrauen, wenn man viele schlechte Erfahrungen gemacht?
Mit nur drei Schauspielern und einem Musiker erleben wir die Schul- und Familienalltage, die unterschiedlicher nicht sein könnten und haben richtig Freude daran, denen beizuwohnen. Ein emotionales und mutiges Theaterstück, was überzeugt und zum Nachdenken anregt. Voller Überraschungen und Spannung von Anfang bis zum Ende.
Die Situation der weiblichen Figur, Fatima, ist nachvollziehbar. Obwohl viele von uns höchst wahrscheinlich nie genau verstehen werden können, wie sie sich fühlt…
Wir danken an dieser Stelle allen nominierten Theatern für die wunderschönen Stunden und die unvergessliche Erfahrung, die wir beim Betrachten Ihrer Stücke machen konnten. Die Erfahrung - so viele neue, überraschende und einfach geniale Stücke zu sehen, war für uns etwas ganz Besonders.
Auch die, die schon mal bei der Jury dabei waren, empfinden, dass die Aufführungen herausragend sind und weiter empfohlen werden sollen.
Wir hoffen und freuen uns auf weitere beeindruckende Momente im Kinder- und Jugendtheater.
Vielen herzlichen Dank!!!

Philipp Harpain, Theaterleiter vom GRIPS Theater | Foto: David Balzer, Bildbühne.de
Philipp Harpain, Theaterleiter vom GRIPS Theater | Foto: David Balzer, Bildbühne.de

Philipp Harpain, Theaterleiter vom GRIPS Theater, zum Erhalt des IKARUS-Jugendpreises 2018:
"Sehr schön! Wir fühlen uns sehr geehrt, dass die Jugendjury uns den IKARUS-Preis 2019 für die Inszenierung DSCHABBER verliehen hat, dem Regiedebüt von Jochen Strauch am GRIPS Theater.
Als Theaterleiter des GRIPS macht es mich ungemein stolz, dass wir eine ästhetisch, inhaltlich und vor allem schauspielerisch so gelungene Arbeit wie DSCHABBER auf die Bühne gebracht haben.
Das Stück des kanadisch-ägyptischen Autors Marcus Youssef, verlegt nach Berlin, erreicht direkt die Herzen des jungen Berliner Publikums. Mit der europäischen Erstaufführung von DSCHABBER, einer Romeo und Julia Liebesgeschichte zwischen einer Kopftuchträgerin und einem deutschen Außenseiter, ist es uns gelungen, ein Stück Normalität junger muslimischer Frauen auf die Bühne zu bringen.
Zu mir sagte nach einer Vorstellung von DSCHABBER eine junge Frau: „Endlich ist mal eine Muslima Hauptfigur, die zeigt, dass wir uns auch verlieben.“
Die Jugend-Jury hat in meinen Ohren sehr treffend beschrieben, was die Inszenierung DSCHABBER auszeichnet: „DSCHABBER hat den IKARUS verdient, weil eine gute Geschichte überzeugend und eindringlich umgesetzt wurde. Das Stück regt zum Nachdenken über Diskriminierung an und wie weit sie schon in unsere Gesellschaft 'eingedrungen' ist. Hoch aktuell und in der Umsetzung sehr besonders.“
Wir Theatermacher*innen für junges Publikum versuchen immer wieder, die Neugier unseres Publikums zu wecken und aktuelle Themen, gesellschaftliche Diskurse aufzugreifen.
Es macht uns überaus glücklich, dass uns dies mit DSCHABBER gelungen ist. Das merken wir in den Vorstellungen, aber von einer Jugendjury in einem Feld von herausragenden Produktionen ausgezeichnet zu werden, beflügelt. Vielen Dank!"

Die Laudatio der Jury zu „Unterscheidet euch. Ein Gesellschaftsspiel“:
Wenn „sich unterscheiden“ eine Superkraft in einem Superheldenroman wäre, würde sie jeder haben wollen.
Aber da wir jeden Tag unterscheiden, fällt uns diese Fähigkeit nicht mehr als Superheldenpower auf.
Wollen wir einen Spot aufs Unterscheiden werfen, es beleuchten, uns in seinen Bann ziehen lassen, die Oberfläche berühren, den Geschmack auf der Zunge haben, mal wieder so richtig ins Staunen geraten ... Trommelwirbel ... 

Was bedeutet es, sich zu unterscheiden?
Schlägt man „unterscheiden“ im Duden nach, erhält man folgende Stichworte:
Von: althochdeutsch UNDARSCEIDAN,
mittelhochdeutsch UNDERSCHEIDEN,
ist gleich: trennen, festsetzen, erklären.
Bedeutung: etwas im Hinblick auf seine besonderen Merkmale, Eigenschaften o. Ä. erkennen und es als etwas, was nicht oder nur teilweise mit etwas anderem übereinstimmt, bestimmen.
Es zählt zur Wortart "starkes Verb"
Es gehört zum Wortschatz des Sprachniveaus B1.
Etwas kann zum Beispiel frei, spontan, abschließend, bewusst, definitiv, endgültig, einstimmig entschieden werden.

„Unterscheidet euch!“ ist vielleicht kein Theaterstück. Es ist kein Mitmachtheater, keine Performance.
„Unterscheidet euch!“ ist ein interaktives, theatrales Gesellschaftsspiel und es ist ein Sprungbrett, ein Forschungslabor, ein Ideenpool, eine Superkraft zur Veränderung der Welt. Es ist mutig und innovativ, neu und direkt überzeugend, aber vor allem ist es hochaktuell und politisch.
Ohne zu unterscheiden, gäbe es keine Individualität. Keine individuellen Familienkonstruktionen, Wohnungen, Häuser, Bauwägen, keine individuellen Schulkinder mit individuellen Stärken und Bedürfnissen. Das mag für Schulen und Behörden auf den ersten Blick erstrebenswert scheinen, weil eine homogene Schulklasse oder Gesellschaft einfacher zu verarbeiten wäre. Aber die Besonderheiten jedes Einzelnen, die den Schulalltag und danach das ganze gesellschaftliche Leben kompliziert machen, sind ja eben die Unterschiedlichkeiten, auf Grund derer wir uns etwas zu erzählen haben.
Uns für einen Beruf entscheiden können: weil wir Vorlieben und Stärken haben.
Uns gegenseitig helfen können: weil wir unterschiedliche Dinge unterschiedlich gut können. Uns gegenseitig trösten können: weil wir unterschiedlich stark sind zu unterschiedlichen Zeiten. Träumen können: weil wir eine Fantasie haben zu uns als Individuen. Unsere Gesellschaft verändern: weil wir uns gegenseitig auf etwas aufmerksam machen können. Weil wir darüber sprechen können mit unterschiedlichen Meinungen: wie wollen wir leben. Weil wir uns zusammenschließen können und aus all diesen Unterschieden heraus gemeinsam etwas verändern können.
„Unterscheidet euch! Ein Gesellschaftsspiel“ beantwortet keine Fragen, sondern stellt sie. Bringt komplexe, harte Themen, über das man eigentlich nicht spricht, in die Sprechbarkeit: zum Beispiel „Geld“. Bin ich arm? Bin ich reich? Was ist Armut? Wo beginnt sie? Arm und Reich, ein Thema, das über Bildung, über gesellschaftlichen Stand, über Ferienziele und Zukunftschancen entscheidet. Zwei Extreme, die sich immer weiter voneinander entfernen.
Spielerisch werden die Mitmachenden angeleitet von:
Wolfgang Boos, Friedrich Greiling, Hanni Lorenz, Eva Plischke, Angela Löer und Frank Oberhäußer.
Mit Hilfe von LED-Schrifttafeln und in fliegenden Rollenwechseln sortieren sie ihre Mitmachenden ständig neu, sie werden zugehörig zu Gruppen und unterscheiden sich von diesen wieder, indem sie sich zu neuen Formationen zusammenfinden. Die Mitmachenden lernen auf leichte Art und Weise, Gesicht zu zeigen, lernen, dass es sich gut anfühlt, sich zu positionieren und der vermeintliche Schutz einer Masse, in der man mitschwimmt, nicht befriedigend ist. Sie lernen, sich zu positionieren. Sich eine Meinung zu bilden und diese auch kundzutun.

Verschiedene Beispielkarten werden wie Lose zufällig gezogen:

  • Jede Woche shoppen gehen?
  • Zwei Mal im Jahr in den Urlaub fliegen?
  • Sich mit den Geschwistern ein Zimmer teilen?
  • Einen eigenen Raum für Klamotten haben?

Durch beantworten dieser Fragen werden verschiedene Identitäten untersucht: Arme, Reiche, Klassische- und Patchworkfamilien, Familien mit alleinerziehenden Müttern oder Vätern, Einzelkinder, Menschen mit Migrationshintergrund und ohne, Mittelschichtler, Lehrer, Handwerker, Ärzte, Kurierfahrer, Arbeitslose und viele mehr. Davon ausgehend, entstehen ehrliche, persönliche Gespräche. So spannt sich im ganzen Raum eine Diskussion auf über Unterschiede und Ungerechtigkeiten, Sexismus und Rassismus.
Am Ende können die Mitmachenden sich an verschiedenen Stationen ausprobieren, zum Beispiel in hochhackigen Schuhen laufen, am Boxsack trainieren, Interviews führen, Schlagzeug spielen oder einfach mal ein Bad im mit Geldscheinen gefüllten Pool nehmen – ala Dagobert Duck.
In diesem Schlussbild lösen sich die Einzelnen wieder auf, vereinigen sich spielerisch, bevor sie auseinandergehen. Das letzte Ende passiert in ihren Köpfen, auf dem Nachhauseweg und in den Klassenräumen, am Abendbrottisch und auf dem Schulhof.

Zurück zur Superkraft.
Unbemerkt hat nun die Erkenntnis den Saal ereilt, dass eine diverse Gesellschaft keine Legitimation ist, Menschen auszuschließen, sondern vielfältig bereichernd und unbedingt schützenswert!

Also fasst Mut, sammelt eure Superkräfte, holt noch einmal tief Atem und dann: spannt die Flügel auf und – unterscheidet euch!
 
Herzlichen Glückwunsch!


(Demnächst finden Sie hier noch das Statement vom Theater an der Parkaue zum IKARUS-Preis 2019.)


IKARUS 2019 - die Nominierungen


Future Beats | Theater o.N. | 0,5 +

 
 
Future Beats | Foto: David Beecroft
Future Beats | Foto: David Beecroft

Eine Performance für die Jüngsten ab 6 Monate bis 2 Jahre und ihre Erwachsenen. Mit ihrer Theaterarbeit leistet das Theater o.N. eine ganz besondere Pionierarbeit: Future Beats ist Theater für die Allerkleinsten. Die Kinder sind von Anfang an mittendrin, es gibt keine klassische Darsteller-Zuschaueraufteilung. Jeder, der Raum benötigt, kann ihn sich nehmen, so erforschen die Allerkleinsten den Bühnenraum und die teilweise selbstgebauten Instrumente und tragen so während der Vorstellung zu einem rhythmischen Miteinander bei. Der Regisseur und Komponist Bernd Sikora hat zu Musik und Rhythmus noch Licht und Tanz und Schattentheaterszenen hinzugefügt. Mit der Tänzerin Nasheeka Nedsreal und dem Musiker Andreas Pichler entsteht eine musikalische Insel, auf der sich jeder frei fühlen darf.

O-Ton IKARUS-Jury

In Future Beats wird Raum gegeben, ohne ein bestimmtes Verhalten zu verlangen oder aufzunötigen. Performance für die Jüngsten ab 6 Monate bis 2 Jahre und ihre Erwachsenen, spannend für die Allerkleinsten, entspannend für die Eltern. Den Rhythmus finden. Auf den teilweise selbstgebauten Instrumenten. Im Raum. Im Alltag. Im Verlauf eines Tages, eines Jahres. Rhythmen zum Beispiel im Sinne von Ritualen prägen unsere Zeit von Anfang an. Durch Impulse wird sie geteilt - egal ob mit einer Trommel, einem „Hallo!“ oder mit einem Abschiedskuss. Future Beats überwindet Grenzen: Internationale Melodien und Rhythmen, Ausstattung aus dem Heute, die aber an die Urzeiten der Erde erinnern oder vielleicht an eine Zukunft, in der Kinder und Erwachsenen auf Augenhöhe miteinander spielen.

Bei Vollmond spricht man nicht | Theater Zitadelle/Theater Anna Rampe | 4+

 
 
Bei Vollmond spricht man nicht | Foto: Theater Anna Rampe
Bei Vollmond spricht man nicht | Foto: Theater Anna Rampe

Eine aufregende Reise durch ein Märchenland. Märchen sind doch ein alter Hut und nur was für die Kleinen! Dass dies eben genau so nicht ist, beweisen das Theater Zitadelle und Anna Rampe in einer weiteren wundervollen Inszenierung. Die Geschichte der Prinzessin Lora, die sich gegen Traditionen, ihren immer arbeitenden Vater, seine Regeln und gängige Geschlechterrollen auflehnt, wird mit viel Fantasie und Witz erzählt. Lores trotziger Kampf für ihr Glück und die Möglichkeit zur Mutreise zeigt, wie modern Märchen sind und wie viel Spaß sie machen. Lore zieht los, durchreist das Königreich und trifft dabei auf jede Menge netter und nicht so netter Märchenfiguren, denen sie mit viel Interesse und Empathie begegnet. Und natürlich trifft Lore auch einen Prinzen. Am Ende ist nicht nur sie sondern auch ihr Vater an der Reise gewachsen und hat einiges dazugelernt.

O-Ton IKARUS-Jury

Der Regisseurin Regina Wagner und ihrem Team ist es gelungen, das traditionelle Märchen neu zu interpretieren und es in die heutige Zeit zu übersetzen, ohne es an sich zu verraten. Die beiden Spieler*innen Anna Fregin und Daniel Wagner  fallen durch ihre Spielfreude und das perfekt choreografierte Zusammenspiel auf, das zu jeder Zeit spielerisch leicht erscheint. Das Märchen thematisiert Erfahrungen aus der Lebenswelt der Kinder (Trennung, zu viel arbeitende desinteressierte Eltern, Rollenzuschreibungen, Abgrenzungsversuche, etc.) und verhandelt diese und mit sehr viel Herz und einer gehörigen Portion Witz. Die Tiefe der Figuren, das fabelhafte Spiel, welches die Grenzen zwischen Schau- und Puppenspiel völlig aufhebt, der Witz und die Liebe zum Detail von Figurenentwicklung über das Spiel bis hin zur Ausstattung, die sich in sekundenschnelle in immer neue Orte verwandelt, machen „Bei Vollmond spricht man nicht“ zu einem Muss für alle Puppenspielfans.


Der kleine Wassermann | Zirkusmaria | 4+

 
 
Der kleine Wassermann | Foto: Wil van Lersel
Der kleine Wassermann | Foto: Wil van Lersel

Der Kinderbuchklassiker von Ottfried Preußler auf der Bühne mit einer Puppe und Livemusik. Wer hat grüne Augen und Haare, Schwimmhäute zwischen den Zehen und eine rote Zipfelmütze? Ein kleiner Wassermann natürlich! Und dieser stellt den Alltag im Mühlenweiher ganz schön auf den Kopf. Das Theaterstück nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Ottfried Preußler ist im ganz eigenen so liebevollen wie urkomischen „Zirkusmaria-Stil“ inszeniert, gespielt von Wiebke Alphei und Julia Brettschneider, fantasievoll musikalisch begleitet von Matthias Bernhold. Die Themen Autonomie, Freiheit und Loslösung von den Eltern werden kindgerecht verhandelt.

O-Ton IKARUS-Jury

Zirkusmaria, das bedeutet zusammen mit den Zuschauer*innen in eine Erzählung einzutauchen, nicht um mit ihr zu verschmelzen, sondern immer auf einem feinen Grad zu balancieren zwischen Rollenidentifikation und kommentierender Erzählebene. Im liebevoll ausgestatteten Zuhause im Mühlenweiher werden die Dinge umgedeutet, da wird ein mit Fischen bedruckter Vorhang zur Teichwelt, das Akkordeon zum Spielkameraden. Immer wieder wird das Publikum miteinbezogen und schwimmt schließlich mit dem kleinen Wassermann zusammen bis an die Wasseroberfläche, wo ein riesiger Mond zu sehen ist. So ist „Der kleine Wassermann“ von Zirkusmaria ein aufregender Besuch im Mühlenweiher und eine gemeinsame Reise, die zeigt, wie unterschiedlich man leben kann und sich trotzdem verstehen. Eine wichtige Aussage in unserer Zeit!

ICH, IKARUS | Theater an der Parkaue | 9+

 
 
ICH, IKARUS | Foto: Christian Brachwitz
ICH, IKARUS | Foto: Christian Brachwitz

Ein Musiktheaterstück für Kinder. Für die Auftragsarbeit der Parkaue greifen Oliver Schmaering (Autor) und Sanzhar Baiterekov (Komposition) die Geschichte aus der griechischen Mythologie über Ikarus und seinen Vater Dädalus auf. Aus der Perspektive des jungen Ikarus erzählt uns das Ensemble in Rückblicken und Ausblicken - und immer wieder ganz gegenwärtig in den Gedanken und Gefühlen des Protagonisten den Mythos zeitlos aktuell. Gefangen im Labyrinth auf der Insel Kreta bleiben Vater und Sohn nur die Flucht durch die Luft. Nicht nur den Fluchtplan ersinnt und Flügel baut der Vater, auch mahnt er den Sohn, nicht übermütig zu werden und sich brav beim Fliegen in der Mitte zu halten: Nicht zu hoch hinauszuwollen, nicht zu tief zu fliegen! So entwickelt sich eine Geschichte über einen jungen Menschen, der seinen eigenen Weg gehen will, eine Geschichte über den Wunsch nach Unvernunft und das Ausloten der Grenzen, der eigenen und derer, die uns andere vorgeben.

O-Ton IKARUS-Jury

Unter der Regie von Annette Jahns spielt Florian Pabst mit viel körperlichen und stimmlichen Einsatz zusammen mit den fünf Musiker*innen, die nicht nur Musiker*innen, sondern Mitspieler*inne sind, durch diese Geschichte. Der poetisch-musikalische Text schafft zusammen mit der anspruchsvollen Komposition, die sich dem Kosmos der Neuen Musik bedient, ein ambitioniertes, assoziationsreiches und komplexes Werk. Bis ins kleinste Detail schafft dieses kleine Gesamtkunstwerk einen Ausflug in das Leben Ikarus‘ – Bühnenbild und Kostüme, Videoprojektionen und Licht, Geräusche und Bewegungen, Körper und Klang; alles fügt sich zusammen zu einem spannenden, außergewöhnlich-ambitionierten Kinder-Musik-Theater-Stück.

UNTERSCHEIDET EUCH | THEATER AN DER PARKAUE | 10+

 
 
UNTERSCHEIDET EUCH | Foto: Christian Brachwitz
UNTERSCHEIDET EUCH | Foto: Christian Brachwitz

Ein Gesellschaftsspiel von Turbo Pascal. Wir schaffen Ordnungen, sortieren, achten darauf, dass alles am richtigen Platz ist, und teilen in Systeme ein. Doch nicht nur bei Dingen wird so verfahren, auch bei Menschen. Sich zu unterscheiden ist bisweilen gewollt und schafft uns Identität und Zugehörigkeiten – ob Musikstile, Klamottenwahl oder Peergroup. Doch sind diese Zuordnungen alle gut oder grenzen sie aus?  Welche Zuordnungen sind sichtbar und welche unsichtbar? Und können wir uns unsere Zuordnungen immer aussuchen? Das Theater- und Performancekollektiv Turbo Pascal spielt mit „Unterscheidet euch!“ gesellschaftliche Ordnungen gemeinsam mit den Zuschauer*innen durch, deutet Zusammenhänge an und stiftet an, die gegebenen Ordnungen zu hinterfragen und umzuordnen.

O-Ton IKARUS-Jury

Turbo Pascal ist bekannt für seine besonderen Theaterprojekte. Bisher inszenierten sie für ein Erwachsenenpublikum, am THEATER AN DER PARKAUE realisieren sie nun ihre erste Theaterperformance für ein junges Publikum. Bei „Unterscheidet euch“ sind die Theaterbesucher*innen selbst gefragt, sich immer wieder neu zu positionieren und sich selbst Aussagen und Gruppen zuzuordnen. Im Laufe des Stücks treten die Schauspieler*innen immer mehr in den Hintergrund, die Zuschauer*innen werden immer mehr zu Akteur*innen, die Darsteller*innen zu Regisseur*innen des Theatererlebnisses. Die Energie und Spielfreude von Turbo Pascal nimmt alle mit, keiner bleibt auf den Stühlen. Mit viel Schwung und ohne didaktischen Zeigefinger bringen die Performer*innen das Thema nahe und erschaffen einen Raum mit vielen Begegnungen, Gedanken und Anstößen, die einen auch nach dem Theaterbesuch noch lange begleiten.

Anne Frank | Artisanen | 12+

 
 
Anne Frank | Foto: Artisanen
Anne Frank | Foto: Artisanen

Dokumentarisch biographisches Theater mit Objekten und Puppen. Fast jeder kennt die erschütternde Geschichte hinter dem Ort Prinsengracht 263, die Anne Franks detailliert in ihrem Tagebuch dokumentierte. Acht jüdische Menschen, darunter die gerade 13jährige Anne Frank und ihre Familie, tauchen nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Holland in dem versteckten Hinterhaus unter. Dort leben sie, bis zu ihrer Entdeckung und anschließenden Deportation in verschiedene KZs mehr als 2 Jahre unter schwierigsten Bedingungen. Anne schilderte in ihrem Tagebuch nicht nur die aktuelle politische Lage unter den Nationalsozialisten, die sehr beengten Zustände im gemeinsamen Versteck, sowie das Zusammenleben, sondern auch ihr eigenes Gefühlsleben, das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter und ihren starken Wunsch Schriftstellerin zu werden.

O-Ton IKARUS-Jury

Die Artisanen erzählen diese Geschichte in konzentrierter und stark reduzierter Form, die über die szenische Lesung hinausgeht, als gelungenes Zusammenspiel mit original Fotografien, Elementen des Objekt- und Figurentheaters. Im Zentrum steht Anne als Mensch, ihre Beobachtungs- und Schreibbegabung, ihre Sehnsüchte und Wünsche sowie ihre Ängste.
Mit präzise ausgewählten Textstellen kommt einem Anne als Kind und Tochter, als pubertierende junge Frau aber auch als fokussierte angehende Literatin und Feministin sehr nahe. Stefan Spitzer und Inga Schmidt verstehen es, über stark gesetzte Bilder und über eingespielte Klänge und Töne das versteckte Leben im Untergrund körperlich und seelisch spürbar zu machen. Zeitlos aktuell, greift es zentrale Themen wie Diskriminierung und Unterdrückung aber auch Flucht und Hilfe auf. Eine ergreifende und berührende Inszenierung - in den heutigen Zeiten mahnend und beängstigend zugleich.

Das Nacktschneckengame | GRIPS Theater | 12+

 
 
Das Nacktschneckengame | Foto: David Baltzer - Bildbuehne
Das Nacktschneckengame | Foto: David Baltzer - Bildbuehne

Ein rasantes Adventure-Game im Reich der Pubertät. Statt zum Sexualkundeunterricht zu gehen, schwänzen Anni und Junis diesen auf der Schultoilette, um zu knutschen. Auch Selma und Edgar ziehen es vor, statt zum Unterricht zur Schultoilette zu gehen, um hier heimlich Yum-Yum-Nudeln zu essen. Doch dann passiert etwas Unbegreifbares: Plötzlich finden sie sich in einer Nacktschnecke wieder und sind Protagnisten in einem verrückten Adventure-Game rund um Sexualität, Hormone und sexuelle Identität. So müssen sie sich, immer angetrieben durch die Stimme einer Spielleiterin, von Level zu Level spielen, um ihre Freiheit wiederzuerlangen.

O-Ton IKARUS-Jury

Dieses unverkrampfte Aufklärungsstück schrieb Kirsten Fuchs für das Grips Theater, in dem mit viel Humor fast alles rund um Sexualität und Pubertät behandelt wird, ohne dabei didaktisch zu werden. Das Ensemble spielt sich mit viel Spaß und Einfühlung durch die hormongeschüttelten Figuren und die absurd-irre Handlung. Dabei unterstreicht das abstrakte, organische wirkende Bühnenbild durchaus das Thema und lässt doch viel spielerischen und assoziativen Freiraum. Poppige, gut komponierte Songs runden dieses gegenwärtig-frische Aufklärungsstück ab. Theater, das einen auch noch mitreißt, wenn man schon längst aus der Pubertät raus ist.

Dschabber | GRIPS Theater | 13+

 
 
Dschabber | Foto: David Baltzer - Bildbuehne
Dschabber | Foto: David Baltzer - Bildbuehne

Europäische Erstaufführung. Die selbstbewusste 16-jährige Muslima Fatima, die ein Kopftuch trägt, muss wegen eines anti-muslimischen Graffitis auf Wusch ihrer Eltern die Schule wechseln. Es wäre alles nicht so schlimm, wenn sie nicht ihre Freundinnen aus der selbsternannten Gang mit dem Namen “Die Dschabber“ vermissen würde. Hinzu kommt, dass sie ihren neuen eigensinnigen Mitschüler Jonas kennenlernt, der sie mit Hartnäckigkeit zu verfolgen scheint. Obwohl die Beiden nicht unterschiedlicher sein könnten, scheinen sie sich langsam ineinander zu verlieben.

O-Ton IKARUS-Jury

Der Regisseur Jochen Strauch erzählt gekonnt von der Entwicklung der ungleichen Liebe, die an ihren Herausforderungen reift und zu zerbrechen scheint. Die Szenen werden minimalistisch umgesetzt, die Annäherung der beiden teils über Chats, die auf eine Betonwand projiziert werden, dargestellt. Der Live-Drummer Thilo Brandt treibt das Geschehen mit seinen kraftvoll - rhythmischen Klängen voran. Die zögerliche Liebesgeschichte wird überzeugend nuanciert durch die Hauptdarsteller Nina Reitmeier und Patrik Cieslik entwickelt. Eine gegenwärtige Romeo - Julia - Geschichte des kanadischen Erfolgsdramatiker Marcus Youssef – einfühlsam, mit viel Humor, voller Hoffnung und schonungsloser Ehrlichkeit!

Rohe Herzen | THEATER AN DER PARKAUE | 15+

 
 
Rohe Herzen | Foto: Christian Brachwitz
Rohe Herzen | Foto: Christian Brachwitz

Deutschsprachige Erstaufführung. Fünf Menschen, die sich auf der Schwelle zum Erwachsenensein befinden, treffen sich an einem dekadent anmutenden, verlassenen Un-Ort (Bühne und Kostüme von Claudia Charlotte Buchard), um mit sich selbst und den Anderen klarzukommen. Drei junge Frauen und zwei junge Männer, die nicht unterschiedlicher sein könnten und trotzdem so vieles gemein haben, wenn es um ihre Gefühle und ihr Innenleben geht. Im Fühlen, Lieben, Verzweifeln, Begreifen, Hoffen und Streben sind sie alleine. Vereint in ihrer Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit.

O-Ton IKARUS-Jury

Dem Theater an der Parkaue ist es gelungen, nach der spannenden Vorlage von Laura Desprein, ihrer eindringlichen und pointierten Sprache, ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen, dass die Gefühlswelt der Teenager präzise einfängt und aufzeigt. Grell, anspruchsvoll, mitreißend und schonungslos! Eine beeindruckende Inszenierung von Volker Metzler und seinem spielfreudigen, starken Ensemble über die Verlorenheit und das Verlangen sowie über die Suche nach einer Wahrhaftigkeit in einer als verlogen empfunden Welt.
Ein Theater, das berührt und die Jugendlichen als Protagonisten ernst nimmt.
Ein Text, der unter die Haut geht. Ein Abend, der noch lange nachwirkt!

Links zum Thema

Download Spielplanheft IKARUS 2019 (PDF)

Download Programmheft IKARUS 2019 (PDF)

Informationen zur IKARUS-Spendenaktion

Der JugendKulturService dankt der Joachim und Anita Stapel Stiftung und dem Berliner Jugendclub e.V. für das Engagement beim IKARUS.

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